Ukraine
Aktuelle Lage

Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte

Wir werden aktuell von vielen Seiten auf die aktuelle Lage in der Ukraine angesprochen und gefragt, wie es uns und unseren Lieben aus der Ukraine geht.

Hier versuchen wir, die Informationen, die uns vorliegen und die Überlegungen, die wir uns machen, mit euch zu teilen. Wir berichten einerseits über unsere familiären Verbindungen (Tanjas Mutter Galina, Bruder Sascha mit Lena und Yaroslav, Freunde und Bekannte) und andererseits, wie es um die Mitarbeitenden unserer Firma MyPAR GmbH steht und wie weit wir die Geschäftstätigkeit überhaupt noch aufrechterhalten können.

Herzlichen Dank für euer Interesse und Mitgefühl! Wir schätzen das sehr.

Tatjana, Thomas, Julia & Alexandra

[Was WIR tun können] [Spenden]

1. Dezember 2022 - 23:30

Letzte Woche hatten wir uns auf ein Inserat für eine Wohnung in Thun gemeldet. Der Vermieter hat sich zwar sehr für das Schicksal von Roman und Vika interessiert, wollte sich das Ganze aber nochmal überlegen... Für uns war die Sache damit erledigt. Umso überraschender heute der Anruf, dass wir die Wohnung am nächsten Samstag besichtigen können. Wir sind gespannt...

30. November 2022 - 22:30

Endlich! Nach knapp einem Monat hat nach mehreren vergeblichen Versuchen die Banküberweisung nach Cherson wieder funktioniert. Damit können wir endlich die Oktoberlöhne unserer ukrainischen MyPAR-Mitarbeitenden bezahlen. Und es wird auch wieder möglich, vor Ort finanzielle Hilfe über unser Spendenkonto zu leisten. In den letzten zwei Monaten mussten wir die Direkthilfe pausieren. Einerseits liess es die Kriegssituation nicht zu, andererseits war unsicher, dass überhaupt Geldüberweisungen getätigt werden können.

29. November 2022 - 22:45

Die Schwiegereltern eines guten Freundes von uns haben sich endlich auch entschieden, Cherson zu verlassen. Sie reisen in den nächsten Tagen mit dem Zug nach Kiev zu ihrem Sohn, der dort lebt. Während der ganzen Belagerung haben sie in Cherson ausgeharrt. Die zerstörte Infrastruktur und die Bombardierungen ihres Stadtteils haben sie nun doch bewogen, wenigstens für eine gewisse Zeit in eine sicherere Gegend zu fliehen.

28. November 2022 - 23:00

Ausserhalb der grösseren Städte und Ortschaften sind die Geschäfte praktisch seit Beginn des Krieges geschlossen. So auch in Romans Heimatdorf. Tauschhandel und Verkäufe aus Autokofferräumen oder an improvisierten Marktständen haben Hochkonjunktur. Eine wichtige Rolle spielen die sozialen Medien: darüber wird ausgetauscht, was es wo zu kaufen oder tauschen gibt. Funktioniert die Verbindung nicht, kommt das Buschtelefon zum Zug. In der Not muss man sich zu helfen wissen. Darin sind die Ukrainer Meister.

Aus Cherson fliehen so viele Leute wie schon seit Monaten nicht mehr. Ehemalige Nachbarn von Galina haben auch beschlossen, sich diese Woche in Richtung Odesssa zu Bekannten auf den Weg zu machen. Seit dem Ende der Besatzung ist dieser Weg wieder offen und einigermassen sicher.

27. November 2022 - 23:30

Die Ukraine ist extrem bemüht, die Infrastruktur in Cherson wieder einigermassen herzurichten. Das sind viele Tropfen auf viele heisse Steine. Nach wie vor wird vieles wieder kaputt gemacht. Der Mann von Tanjas Freundin Luda hat kürzlich zwei Fussball-Kollegen verloren - sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort beim Kaffee trinken. Der Wiederaufbau der Infrastruktur ist das eine. Das geht sogar rascher als erwartet. Die Schäden, die der Gesellschaft und den Menschen zugefügt wurden, werden Generationen brauchen, um zu heilen.

26. November 2022 - 22:30

Diese Woche konnten Vika und Roman zwei Wohnungen besichtigen. Die eine kommt nicht infrage, für die zweite werden sie sich bewerben. Zwei weitere Objekte können sie in den nächsten Tagen besichtigen. Wir sind zuversichtlich, dass sich etwas ergeben wird.

In Cherson scheint es mindestens zeitweise wieder Strom zu geben. Telefonieren/Schreiben ist immer noch schwierig, aber immerhin ist es täglich möglich, kurz ein Lebenszeichen auszutauschen.

25. November 2022 - 23:00

Diese Woche hat uns die Meldung in den Schweizer Nachrichten nachdenklich gestimmt, dass gemäss einer Umfrage der Support für die Sanktionen gegen Russland und die Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge gesunken sei. In unserem Umfeld können wir das definitiv nicht bestätigen. Nach wie vor ist die Solidarität riesig. Jüngstes Beispiel - und das steht stellvertretend für ganz viele - ist der Optiker hier im Ort, der Sascha und Lena ohne zu zögern und mit viel Geduld untersucht und zu sehr günstigen Konditionen die Sicht auf die Welt geschärft hat. Für jedes offene Ohr und jede gute Tat sind wir extrem dankbar.

In Cherson wurde heute ein Spielplatz zerbombt, auf dem unsere Kinder noch gespielt haben. Offenbar ein strategisch und militärisch wichtiges Ziel...

24. November 2022 - 23:15

Lenas Kollegin hat heute Fotos aus dem Containerdorf in Bern geschickt, wo sie nun untergebracht ist. Ja, es ist sauber. Und ja, es ist warm. Aber ich glaube, die reiche Schweiz könnte das besser - und vor allem würdevoller...

23. November 2022 - 22:45

Am Sonntag traf eine Kollegin von Lena in der Schweiz ein. Sie ist via Warschau aus Cherson geflohen. Die Registrierung funktioniert nun etwas anders als noch vor ein paar Monaten: die Bundesasylzentren sind nicht mehr täglich besetzt. Sie musste deshalb am Dienstag mit dem Zug nach Basel fahren, dort die Formalitäten erledigen und danach wieder zurück. Als Unterkunft wurde ihr ein Wohncontainer im Berner Viererfeld angeboten. Das bereits im Sommer erstellte Containerdorf wurde ziemlich kritisiert, zum Beispiel in einem Artikel auf hauptstadt.be. Die Platzverhältnisse sind sehr eng, die Wintertauglichkeit fraglich.

Die Unterbringung in Gastfamilien soll ab dem nächsten Jahr in die Verantwortung der Kantone übergehen. Der Kanton Bern hat noch nicht entschieden, ob sie das Konzept weiterführen.

22. November 2022 - 22:00

Die Stadt Cherson ist stark unter Artilleriebeschuss. Wie schlimm die Lage ist, ist schwer zu beurteilen. Die Leute sind eher wortkarg, wenn man sie nach der Situation fragt - wohl gut gemeint, damit sich die Angehörigen nicht zu grosse Sorgen machen. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Je diffuser und widersprüchlicher die Aussagen, umso mehr Gedanken macht man sich.

Seit rund drei Wochen funktionieren die Geldüberweisungen nach Cherson nicht mehr, zwei Banken haben Zahlungen zurückgewiesen. Der Zeitpunkt ausgerechnet unmittelbar nach der Befreiung erstaunt. Während der Besetzung hätten wir eher damit gerechnet, dass Geldtransfers nicht mehr zugelassen werden. Die Menschen vor Ort sind nach wie vor stark abhängig von Hilfe von aussen. Viele Hilfsgüter werden angeliefert, Geld würde auch helfen...

21. November 2022 - 23:45

In Cherson ist es immer noch ein Auf und Ab. Mal ist es etwas ruhiger, kurz darauf sind wieder Explosionen zu hören. Mal sind die Verbindungen gut, dann erreicht man wieder stundenlang niemanden.

Hier sind wir wieder auf Wohnungssuche. Roman und Vika haben sich entschieden, gemeinsam eine WG zu gründen. Wo genau ist noch offen, irgendwo zwischen Thun und Bern.

20. November 2022 - 23:00

Am östlichen Ufer des Dnjeprs bei Romans Eltern ist die Stromversorgung heute wesentlich besser, es gab den ganzen Tag keinen Stromunterbruch. Auch die mobilen Telefonverbindungen sind bereits viel stabiler. Internet gibt es ausserhalb der Stadt hingegen nach wie vor nicht.

In der Stadt haben bereits wieder einige Lebensmittelläden geöffnet. In den sozialen Medien veröffentlichen die Leute Bilder von Einkäufen und Kassenzettel. Daraus ist ersichtlich, dass es bereits wieder ein recht breites Sortiment gibt. Die Preise sind mehr oder weniger gleich geblieben, vereinzelt sind Produkte teurer geworden.

Die Menschen helfen einander so gut es geht. Jüngere bringen Älteren Wasser nach Hause oder bringen auch mal deren Handys zu den Ladepunkten.

19. November 2022 - 23:45

Sascha hat sich in den letzten Tagen mit verschiedenen Freunden und Kollegen aus Cherson austauschen können. Nichts ist mehr wie zuvor. Die Zerstörung von Gebäuden ist zwar nicht ganz so gross und offensichtlich wie in andern Städten. Einzelne Gebäude sind aber so stark vermint, dass sie gesprengt werden müssen. Vieles, was nicht niet- und nagelfest ist, wurde entwendet.

Ein guter Bekannter ist mit Schwiegereltern und Mutter allein in Cherson zurückgeblieben. Seine Frau hat sich entschieden, während der Evakuation nach Russland zu gehen - so wie es klingt ohne Absicht zurückzukehren. Ein anderes befreundetes Paar hat immer gesagt, sie blieben wegen der Eltern in Cherson. Nun sind sie - ohne Eltern - ebenfalls nach Russland geflohen. Über die genauen Umstände mögen sie nicht sprechen.

Sogar wenn sich die Lage normalisiert wird es für die Menschen aus Cherson und vielen andern ukrainischen Gebieten nie mehr so sein wie vor dem 24. Februar 2022.

18. November 2022 - 23:15

In Cherson ist Muskelkraft gefragt. Fliessendes Wasser gibt es nach wie vor nicht. Das heisst, das Wasser muss in Eimern geholt und in die Wohnung getragen werden. Galina hat heute mit einer Nachbarin aus Cherson gesprochen, die im 5. Stock wohnt. Immerhin wärmt das Schleppen wohl etwas auf: in den Wohnungen ist es kaum über 15 Grad.

Offenbar gelangen bereits viele Hilfsgüter nach Cherson, ein erster Zug ist heute Abend in Kiev abgefahren und wird morgen früh erwartet. Wir fragen uns, wer jetzt von Kiev nach Cherson reist. Möglicherweise Arbeiter und Freiwillige, die mithelfen, die Infrastruktur möglichst rasch wieder instand zu stellen. Nebst dem humanitären Aspekt will die Ukraine natürlich auch zeigen, dass sie imstande ist, den Wiederaufbau zügig voranzutreiben.

17. November 2022 - 23:15

Tanjas Freundin Luda ist mit ihrem Mann und ihrem Vater immer noch in Polen. Sie arbeitet nach wie vor in einem Industriebetrieb, oft auch nachts. Ihrem Vater geht es gesundheitlich wieder schlechter. Alles in allem nicht wirklich erfreulich.

Dafür hat sich Sveta, die andere Jugendfreundin, mit ihren Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkeln gut in Chisinau (Moldau) eingelebt. Sie stellen sich darauf ein, dass sie wohl länger dort bleiben.

16. November 2022 - 22:30

Endlich! Heute haben die Verbindungen nach Cherson wieder funktioniert. Roman konnte sogar über einen ukrainischen Mobilfunkanbieter mit seinen Eltern telefonieren. Zum grossen Glück geht es allen den Umständen entsprechend gut. Heute gab es nach längerer Zeit auch wieder Strom. In Cherson zeigt sich einmal mehr die grosse Flexibilität und das Improvisationstalent der Ukrainer: es gibt an zentralen Orten Ladepunkte für Mobiltelefone und Hotspots für Internetverbindungen. Erste Zugverbindungen sind bereits wieder angekündigt. Wir sind verhalten optimistisch und hoffen, dass es so weiter geht.

15. November 2022 - 23:15

Nach wie vor kein Kontakt nach Cherson. Freunde von Sascha und Lena, die eigentlich unter keinen Umständen aus Cherson weg wollten, haben sich aus Tuapse, einer russischen Stadt am Schwarzen Meer nördlich von Sotchi gemeldet. Die genauen Umstände ihrer Flucht und warum sie ausgerechnet dort gelandet sind, sind unklar. Gehören sie zu den aus Cherson Evakuierten? Freiwillig oder mit Nachdruck aufgefordert? Es bleibt so vieles offen, wenn die Kommunikation kaum funktioniert!

14. November 2022 - 23:30

Es gibt noch kaum Verbindungen nach Cherson. Auch Roman konnte heute seine Eltern nicht erreichen. Während es in der Stadt wohl jetzt einfach Zeit braucht, um alles wieder auf ukrainische Netze umzustellen, ist die Befürchtung gross, dass auf der östlichen Seite des Dnjeprs jetzt die Frontlinie verläuft und entsprechende Kämpfe im Gang sind.

13. November 2022 - 22:15

In der Stadt Cherson gehen die Aufräumarbeiten weiter. Die Bevölkerung wird aufgefordert, vorsichtig zu sein. Es gibt immer noch sehr viele Minen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Stadt aus dem Osten beschossen wird. Im russischen Fernsehen wird die Situation so dargestellt, dass die ukrainische Armee in die Stadt eingedrungen und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt hätte...

Auf der östlichen Seite des Dnjepr bleibt die Lage gefährlich. Unbewohnte Häuser werden besetzt, Autos entwendet, Leute von der Polizei abgeführt und teils misshandelt.

12. November 2022 - 23:30

In Cherson ist es weitgehend ruhig - abgesehen von der feiernden Bevölkerung. Erste ukrainische Unternehmen scheinen bereits wieder zurückzukommen, offenbar sind auch schon wieder Züge nach Cherson geplant.

Aktuell gibt es praktisch in der ganzen Stadt keinen Strom, damit auch kein fliessendes Wasser, keine Heizung und keine Internet- oder Handy-Verbindung. Die ukrainische Regierung verspricht, dass in den nächsten Wochen die Infrastruktur weitgehend wieder hergestellt werden soll. Es ist erstaunlich, wie rasch andernorts Schäden mindestens provisorisch behoben wurden. Es ist also gut möglich, dass sich der Alltag in Cherson schon bald wieder einigermassen normalisiert.

12. November 2022 - 10:00

Ausgerechnet an dem Tag, der wohl in die Geschichtsbücher eingeht, der 11.11.22, fehlt unser Eintrag! Ja, wir haben tatsächlich im kleinen Kreis auf die Befreiung von Cherson angestossen - und dann war's plötzlich schon sehr spät...

Vermutlich waren die meisten gestern ebenso überrascht über die rasche Rückeroberung der Stadt und der Gebiete westlich des Dnjepr wie damals am 24. Februar über den Einfall der russischen Armee in die Ukraine. Vieles deutet darauf hin, dass die Aktion gut vorbereitet war und es vermutlich auch Absprachen gab, wann und wie der Rückzug erfolgt. So hielt sich zum Beispiel auch das Entsetzen/Erstaunen über die definitive Zerstörung der Antonov-Brücke in Grenzen - es schien wie ein logischer Schritt des Rückzugs.

Serhii, Ihor und Roman kommen vom östlichen Ufer. Wir hoffen sehr, dass sich jetzt dort die Lage nicht verschlechtert, weil sich nun sehr viele russische Truppen in der Gegend befinden. Ziehen sie sich weiter in Richtung Osten / Krim zurück? Versuchen sie mit allen Mitteln, sich am Ostufer des Dnjepr festzuklammern - allenfalls mit der Option, irgendwann dann auch wieder Richtung Stadt Cherson vorzustossen?

Der 11.11. war ein sehr, sehr wichtiger und erfreulicher Tag, zu Ende ist der Krieg damit aber noch nicht.

10. November 2022 - 23:00

Heute hatten wir Besuch einer Mitarbeiterin und Übersetzerin der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern. Nach wie vor werden alle Gastfamilien besucht, um zu prüfen, ob alles gut läuft und um offene Fragen zu beantworten.

Zufällig besuchte uns dieselbe Mitarbeiterin wie schon im Juli für Lena, Sascha und Yaroslav. In der Zwischenzeit haben sich sehr viele Punkte, die zu Beginn noch unklar waren, gelöst. Nach wie vor gibt aber immer wieder neue Fragestellungen. Die ganz grosse Herausforderung bleibt die Unterbringung. Je nach Wohn- und Lebenssituation wird das Wohnen bei Gastfamilien zur Belastungsprobe für beide Seiten. Trotz guter technischer Hilfsmittel ist die Sprache eine grosse Hürde. Kann man fast nur über Übersetzungs-Apps korrespondieren, ist das sehr ermüdend. Die geringen Wohnungsmieten, die im Asylsozialwesen bezahlt werden, erschweren die Wohnungssuche. Hier wäre es durchaus auch im Interesse der Gastfamilien, diese Beträge zumindest temporär zu erhöhen.

9. November 2022 - 23:00

Erster "Schultag" für Roman! Sein Deutschkurs hat begonnen. Gute Nachrichten auch vom SEM, dem Staatssekretariat für Migration: "Der Schutzstatus S für Schutzsuchende aus der Ukraine wird nicht vor dem 4. März 2024 aufgehoben, sofern sich die Lage in der Ukraine bis dahin nicht grundlegend ändert." Damit haben eigentlich alle gerechnet. Noch fast wichtiger: Der Bund beteiligt sich mit 3000 Franken pro Person und Jahr an den Unterstützungsmassnahmen, insbesondere an der Förderung des Spracherwerbs. Bisher war nicht klar, ob der Betrag einmalig oder wiederkehrend ausgerichtet wird. Für unsere Leute heisst das, dass sie höchstwahrscheinlich auch im nächsten Jahr weiter Deutschkurse besuchen können. Das SEM betont auch, dass die Massnahmen rückkehrorientiert sind, also die Rückkehrfähigkeit fördern soll, sobald sich die Lage normalisiert.

Auf den ersten Blick erscheinen Integrationsförderung und Rückkehrfähigkeit widersprüchlich. Die Logik ist aber klar: Sprachkenntnis erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, eine bezahlte Arbeit entlastet die Sozialdienste, ermöglicht evtl. sogar einen Sparbatzen anzulegen, der die Rückkehr erleichtert. Hier erworbene Kenntnisse erhöhen zudem die Re-Integration im Heimatland.

Quelle: Medienmitteilung des SEM vom 9. November 2022

8. November 2022 - 23:00

Gute Neuigkeiten aus dem Spital: die Operation von Lubas gebrochener Hand ist gut verlaufen und sie fühlt sich gut betreut und aufgehoben. Morgen wird sie bereits aus dem Spital entlassen. Die Hand bleibt für rund 1.5 Monate im Gips. Stürzen kann man überall auf der Welt. Die Behandlung einer daraus resultierenden Verletzung unterscheidet sich dann aber beträchtlich... In Cherson wurden viele Spitäler geschlosssen. Man hört von Plünderungen und sogar von Krankenwagen, die einfach entwendet wurden.

7. November 2022 - 23:15

Heute war ein ereignisreicherer Tag, als wir uns das gewünscht hätten: auf dem Weg zum Deutschkurs ist Luba, Lenas Mutter, gestürzt und hat sich die Hand gebrochen. Morgen muss sie operiert werden. Wir wünschen ihr, dass alles gut verläuft und sie rasch wieder gesund wird.

6. November 2022 - 22:30

Die Eltern von Roman berichten, dass es bei ihnen heute verhältnismässig ruhig gewesen sei. Aus der Stadt Cherson hingegen hört man, dass der Strom (und damit auch Wasser, Heizung und Internet) einmal mehr ausgefallen ist.

Hier haben wir uns heute Nachmittag mit Versicherungen und Krankenkassen herumgeschlagen. Seit Sascha, Lena und Yaroslav nicht mehr auf der "Liste" von Asyl Berner Oberland sind, haben sie auch keine Privat- und Hausratsversicherung mehr - im Kanton Bern zwar nicht obligatorisch, aber gerade in ihrem Fall natürlich sehr zu empfehlen. Dank Vergleichsdienst und gutem Online-Angebot ist diese Lücke ab morgen geschlossen.

Die obligatorische Krankenkasse mussten sie 1:1 von Asyl Berner Oberland übernehmen. Sie bezahlen monatlich fast 1'000 CHF für drei Personen. Zum Glück ist der Zeitpunkt für einen Wechsel jetzt grad ideal. Voraussichtlich werden sie ab dem nächsten Jahr dank passenderem Modell und zweckmässiger Franchise pro Monat fast 200 CHF weniger Prämien bezahlen. Ein Betrag, der ihrem Haushaltbudget natürlich sehr gelegen kommt.

5. November 2022 - 23:00

In Cherson ist die Situation nach wie vor ungewiss. Glücklicherweise haben alle unsere Leute bis jetzt Kontakt zu ihren Lieben. Ausserhalb der Stadt funktionieren die Verbindungen erstaunlicherweise besser als in der Stadt.

In Bern hat heute ein "Tauschladen" speziell für Ukrainische Flüchtlinge eröffnet. Wir wollten kurz vorbeischauen und hatten auch ein paar Sachen zum Abgeben. Der Ansturm war so gross, dass wir nur unsere Sachen abgegeben haben und gleich wieder umgedreht sind. Das ist ein schöner Erfolg für die Organisatoren und zeigt einmal mehr, wie gut die Ukrainer untereinander vernetzt sind. Gleichzeitig ist genau jetzt mit den tieferen Temperaturen der Bedarf nach Winterkleidern und -schuhen gestiegen. Mit der monatlich ausbezahlten Sozialhilfe kann sich eine Familie unmöglich im selben Monat Kleider und Schuhe für alle leisten. Unser Asylwesen hat offenbar nicht mitbedacht, dass man Winterkleider genau dann haben muss, wenn's kalt wird... Die vielen privaten Initiativen für Tauschbörsen sind hochwillkommen und unverzichtbar.

4. November 2022 - 23:15

Ist man Flüchtling in der Schweiz sind Zahnbehandlungen ein Thema, mit dem man sich mühelos die Zeit um die Ohren schlagen kann: es beginnt damit, dass Zahnärzte nur sehr ungern Flüchtlinge für eine Behandlung aufnehmen. Grund dafür ist, dass im Asylwesen nur Schmerzbehandlungen bezahlt werden. Bevor man also vor Schmerzen kaum mehr schläft, kann man sich die Mühe, einen Zahnarzt zu finden, gleich sparen. Dazu kommt, dass Behandlungen nur bis zu einem bestimmten Betrag (bei Asyl Berner Oberland sind das 300 CHF) übernommen werden.

Das führt zu einem Dilemma für die Zahnärzte: entweder behandeln sie nur das absolute Minimum und werden so ihrem Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit kaum gerecht - oder sie legen drauf.

Das Vergnügen, uns mit dieser Problematik auseinanderzusetzen, hatten wir aufgrund einer Zahnbehandlung von Yaroslav, die Asyl Berner Oberland nun (zurecht) nicht mehr übernimmt, da die Familie nicht mehr von der Asylsozialhilfe abhängig ist. "Fun fact" am Rande: die Rechnung, die Lena, Sascha und Yaroslav bezahlen müssen, ist rund 70 CHF höher als wenn sie Asyl Berner Oberland bezahlt hätte. Grund dafür ist ein Spezialtarif und der Maximalbetrag von 300 CHF, an den sich der Zahnarzt nun nicht mehr halten muss.

Mit der Freiheit kommt die Verantwortung - und der Pöstler mit den Rechnungen...

3. November 2022 - 22:30

Heute gab es sehr viele Gerüchte aus Cherson. Auf dem Regierungsgebäude wurde die russische Flagge offenbar entfernt. Es ist unklar, ob sich die russischen Truppen tatsächlich aus der Stadt zurückziehen oder nur neu formieren. Die Evakuationen werden weiter vorangetrieben.

Ein Kollege hat sich gemeldet, er habe jetzt nach mehreren Tagen endlich wieder Internet-Verbindung. Ob über das ukrainische oder russische Netz wissen wir im Moment nicht.

2. November 2022 - 22:45

Die Evakuationen östlich von Cherson, wo Roman herkommt, werden scheinbar mit zunehmendem Druck vorangetrieben. Seine Eltern wollen bleiben. Dafür müssen sie eine Verzichtserklärung unterzeichnen! Eine Verzichtserklärung, um dort bleiben zu dürfen, wo sie seit Jahrzehnten wohnen und zu Hause sind...

Solle es ganz kritisch werden, haben sie die Möglichkeit zu Romans Schwester zu ziehen, die in einem naheliegenden Dorf lebt.

1. November 2022 - 21:45

Heute erhielten wir einen Anruf des Sonderstabs Ukraine der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern. Wie schon bei Lena, Sascha und Yaroslav erkundigen sie sich nach dem Befinden von Roman und von uns als Gastfamilie und vereinbaren einen Besuchstermin.

Der Anruf kommt knapp einen Monat nach Romans Ankunft. Bei Lena, Sascha und Yaroslav hat es noch drei Monate gedauert zwischen Ankunft und dem Besuch. Aktuell kommen deutlich weniger Flüchtlinge an und die Prozesse haben sich wohl in der Zwischenzeit ebenfalls gut eingespielt.

31. Oktober 2022 - 23:15

Offenbar sind die Internetverbindungen wieder etwas stabiler geworden. Unklar ist im Moment, ob es gelungen ist, die ukrainischen Netze wieder in Betrieb zu nehmen oder ob die meisten Verbindungen über das russische Mobilfunknetz laufen.

Die Eltern von Roman machen sich Sorgen, weil der von Russlands Gnaden eingesetzte Bezirksverwalter angekündigt hat, dass weitere Gebiete rund um Cherson evakuiert werden sollen. Ihr Dorf gehört dazu. Ausserhalb der Stadt wollen die Bewohner ihre Häuser und Pflanzungen noch viel weniger verlassen als die Städter ihre Wohnungen. Es ist ihre über viele Jahre aufgebaute Existenzgrundlage.

30. Oktober 2022 - 22:00

Telefon- und Internet-Verbindungen nach Cherson sind immer noch sehr instabil. Immerhin reicht es in der Regel, um täglich in Kontakt zu bleiben, um mindestens zu erfahren, dass alles (natürlich den Umständen entsprechend) in Ordnung ist.

Kürzlich konnte man bei SRF lesen, dass die russischen Besatzer nach eigenen Angaben die ukrainische Stadt Cherson und das Gebiet nordwestlich des Flusses Dnipro von Zivilisten geräumt haben. Das deckt sich überhaupt nicht mit den Informationen, die uns vorliegen: wir kennen niemanden, der Cherson in den letzten Wochen verlassen hat. Die Leute, mit denen wir noch Kontakt haben, berichten, dass es fast keine Leute auf den Strassen gebe, in der Stadt sei es aber einigermassen "normal". Sie sind verunsichert und harren der Dinge, die da kommen.

29. Oktober 2022 - 23:45

Heute haben wir uns zum Thema "Auto mit ukrainischen Kennzeichen" schlau gemacht: bis zur Flüchtlingswelle aus der Ukraine gab es sozusagen keine Flüchtlinge, die per Auto in die Schweiz einreisten. Entsprechend gibt es dafür auch keine gängige Praxis. Für Autos mit ukrainischen Nummernschildern gelten deshalb dieselben Regeln wie für alle Autos mit ausländischer Registrierung: maximal ein halbes Jahr dürfen sie mit den ausländischen Nummernschildern gefahren werden, danach müssen sie eingeführt (sprich: verzollt), geprüft und in der Schweiz immatrikuliert werden. Das ist mit hohen Kosten verbunden. Für die allfällige Rückreise in die Ukraine wäre dann das umgekehrte Prozedere erforderlich. Für Saschas Auto lohnt sich dieser Aufwand voraussichtlich nicht mehr. Sie werden das Auto wohl irgendwo günstig einstellen. Dank der zentralen Lage ihrer Wohnung sollte der Verzicht aufs Auto einigermassen schmerzfrei möglich sein.

28. Oktober 2022 - 22:30

In Romans Heimatdorf wurden in den letzten Tagen drei leerstehende Häuser von russischen Soldaten aufgebrochen und in Beschlag genommen. Romans Familie macht sich Sorgen, weil das Haus seines Grossvaters, der im letzten Jahr verstorben ist, ebenfalls leer steht. Das zeigt einmal mehr, dass es nirgends mehr wirklich sicher ist - weder in den Städten noch in irgendeinem abgelegenen Dorf.

27. Oktober 2022 - 23:45

Heute hatten wir nach längerem wieder einmal ein Gespräch mit Asyl Berner Oberland. Die Behörde ist bemüht, allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist aber nach wie vor ziemlich überlastet. Zudem rechnen sie bis Ende Jahr noch einmal mit einer grösseren Flüchtlingswelle, nicht nur aus der Ukraine, sondern auch aus andern Ländern.

Das Beispiel von Lena, Sascha und Yaroslav zeigt, dass eine rasche Integration möglich ist, aber eine enge Betreuung und Unterstützung voraussetzt. Bundesrätin Karin Keller-Sutter hat kürzlich in einem Interview betont, dass die Integration in den Arbeitsmarkt während dem Aufenthalt hier in der Schweiz die beste Voraussetzung sei für eine rasche Rückkehr ins Heimatland, wenn sich Konfliktsituationen beruhigen. Wer gearbeitet und damit eine geregelte Tagesstruktur hatte, hat viel bessere Chancen, im Heimatland rasch wieder Fuss zu fassen.

Wären die finanziellen Mittel der zuständigen Behörde so bemessen, dass es für mehr als eine minimale Betreuung reichte, dann führte das nicht zu "verwöhnten Flüchtlingen", sondern würde intakte Voraussetzungen schaffen für eine Integration während dem Aufenthalt hier und für die Rückkehr ins Heimatland.

26. Oktober 2022 - 23:00

Acht Monate nach Beginn des Krieges hat zum ersten Mal eine Geldüberweisung in die Ukraine nicht mehr funktioniert. Auf Nachfrage hat PostFinance mitgeteilt, dass Überweisungen in die besetzten Gebiete nicht mehr ausgeführt würden. Warum das gerade jetzt geändert hat, ist für uns nicht ganz nachvollziehbar. Unklar ist ebenfalls, ob es sich um eine interne Regelung von PostFinance handelt oder ob alle Banken gleich handeln. Wir werden da nochmal nachhaken müssen oder Alternativen suchen.

25. Oktober 2022 - 22:15

Es ist absurd: seit der Mobilmachung ist der Kontakt zu den Verwandten aus Russland wieder leicht entspannter geworden. Gerade die ältere Generation steht zwar nach wie vor mehrheitlich hinter der Politik Putins ("Unser Präsident weiss schon, was zu tun ist. Wir kleinen Leute können das ja gar nicht beurteilen, geschweige denn ändern."). Der Krieg ist jetzt an der Haustür angekommen und spielt sich nicht mehr nur im TV ab. Einer der beiden Enkel von Galinas Schwester in Moskau hat seit seiner Kindheit ein Leiden und kommt nicht in Frage fürs Militär, sein Bruder hingegen könnte aufgeboten werden. Er geht kaum mehr auf die Strasse. Als Vorsichtsmassnahme hat er sich als Vormund der Grossmutter registrieren lassen, um im Falle eines Aufgebots möglichst nicht einrücken zu müssen.

Eine Cousine hat Sascha angeboten, nach Moskau zu kommen. Sie würden sich kümmern und könnten evtl. auch Arbeit vermitteln - in Cherson sehe es ja nicht gut aus. Sie komme sieben Monate zu spät, hat Sascha ihr geantwortet...

Verstörend auch zu hören, dass sich der Mann von Tanjas Cousine hinter dem Rücken der Familie als Freiwilliger gemeldet hat. Er wurde wieder nach Hause geschickt, weil er keinen Marschbefehl erhalten hatte. Der Haussegen hänge ziemlich schief seither...

24. Oktober 2022 - 22:30

Auf alternativen Kanälen , z.B. mit russischen SIM-Karten, konnten viele zumindest temporär wieder Kontakt aufnehmen mit ihren Lieben in Cherson. Da sind die Ukrainer unglaublich kreativ und erfinderisch.

Tanja hat heute nach längerem wieder einmal im Bundesasylzentrum gearbeitet. Nach wie vor gibt es zurzeit kaum mehr ankommende Flüchtlinge. Niemand kann sagen, ob es nochmal zu einer Zunahme kommt, sei es weil sich die kriegerische Situation weiter verschlechtert oder aufgrund kalter Temperaturen.

Roman hat die Bestätigung erhalten für einen Deutschkurs ab dem 9. November!

23. Oktober 2022 - 22:30

Seit gestern Nachmittag gibt es in und rund um Kherson kaum mehr Internetverbindungen, also auch keinen Kontakt mehr z.B. zu Romans Eltern. Meldungen zufolge nehmen die Russen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist - so auch massenweise Kommunikationsinfrastruktur.

Wir haben einen sehr gemütlichen "ukrainischen" Nachmittag verbracht mit von Roman marinierten Schaschlik. Er hatte uns schon vor langem versprochen, dass er uns mal zu sich nach Hause einlädt. Dass er uns nun bei uns zu Hause einlädt hätten wir uns in den kühnsten Gedankenspielen nicht ausgedacht...

22. Oktober 2022 - 21:30

Nach wie vor sind in Cherson sowohl die ukrainische Griwna wie auch der russische Rubel im Umlauf. Heute haben wir von jemandem gehört, dass offenbar viele versuchen, die Rubel loszuwerden. Ein weiteres Indiz, dass die russische Besatzung alles andere als gefestigt ist.

21. Oktober 2022 - 22:00

Es macht den Anschein, dass sich die Russen tatsächlich aus der Stadt Cherson zurückziehen. Ob es nur Verschiebungen sind oder tatsächlich ein Rückzug ist unklar. Ebenso, ob es ein Befehl "von oben" ist oder eher ein "Rette sich wer kann".

Trotz der Druckversuche der Russen gegen die Bevölkerung, die Stadt zu verlassen (und mit den organisierten Transporten nach Russland auszureisen), haben wir bisher aus unserem Umfeld von niemandem gehört, wer dem Aufruf gefolgt wäre. Wer jetzt noch dort ist, bleibt.

20. Oktober 2022 - 23:45

Einmal mehr ist die Lage in Cherson ungemütlich. Plünderungen scheinen zuzunehmen, die Bedrohungslage ist ungewiss. Offenbar ist die Staumauer bei Novoaya Kakhovka, ca. 70 km von Kherson entfernt, stark vermint. Es gibt die Befürchtung, dass die Mauer gesprengt werden könnte. Einwohner der Stadt Cherson hätten Schätzungen zufolge ca. 2 Std. Zeit, um sich vor der Flutwelle in Sicherheit zu bringen.

Romans Eltern geht es den Umständen entsprechend gut. Sie sind sehr froh, dass Roman in Sicherheit ist. In den Dörfern ist die Versorgungslage auch wesentlich besser, man konnte sich über den Sommer Vorräte zulegen und hat auch den Platz, um diese zu lagern. Zum Heizen gibt's genügend Brennholz. In den Städten dürfte der Winter in den schlecht isolierten Wohnungen, die grösstenteils mit Fernwärme geheizt werden, deutlich anstrengender werden.

19. Oktober 2022 - 23:30

Zufallsbegegnung heute beim Laden des E-Autos: Tesla mit ukrainischem Kennzeichen. Die Fahrerin, wohl so um die 40, ist aus Kiew geflüchtet, hat früher mehrere Jahre in Kherson gelebt (die Welt ist klein...). Offensichtlich besser gestellt, erfolgreiche "Businessmenka" (Geschäftsfrau). Ihre Mutter ist nach Südfrankreich ("an die Wärme") geflüchtet. Sie habe selber auch drei Monate in Frankreich verbracht, habe jetzt aber den Status S im Kanton Waadt erhalten. Sie lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Lausanne mit mehreren Leuten im selben Raum. Die Schweiz gefalle ihr sehr, zum Glück habe sie ein Auto und könne die vielen schönen Orte besuchen. News aus der Ukraine lese sie kaum mehr, das deprimiere zu sehr, aber ja: ganz entziehen könne man sich der Realität ja nicht. Die Reise mit dem Auto von Kiew bis hierher sei lang und anstrengend gewesen (kurz an Roman gedacht, nichts gesagt).

Die Flüchtlingsgeschichten sind vielfältig, gemeinsam haben sie eines: niemand, aber auch wirklich NIEMAND tauscht sein bisheriges Leben - wie auch immer es war - freiwillig gegen dasjenige eines Flüchtlings. Das "S" beim Status S steht für "Schutzbedürftig" - weil aktuell grad unkontrolliert Dutzende wenn nicht Hunderte von Drohnen auf bewohntes Gebiet niedergehen. Der materielle Status spielt dabei sowas von keine Rolle.

18. Oktober 2022 - 22:45

Roman kam heute ziemlich geschafft nach Hause vom Deutschkurs. Der Einstieg ein Monat nach Kursbeginn ist ein zu hoch gestecktes Ziel. Auf der einen Seite ist das natürlich schade für Roman, auf der andern Seite spricht es für die Qualität der Kurse, die das Bildungszentrum Interlaken anbietet. Leider startet ein neuer Kurs erst Anfang nächstes Jahr. Wir werden uns deshalb nach anderen Möglichkeiten umsehen.

17. Oktober 2022 - 22:45

Nach den Herbstferien geht es ab dieser Woche weiter mit den Deutschkursen. Es zeichnet sich ab, dass die Intensivkurse für die ukrainischen Flüchtlinge noch bis Ende Jahr angeboten werden. Danach stehen die regulären Kurse z.B. an den Volkshochschulen zur Verfügung.

Roman kann morgen in einen laufenden Kurs, der bereits nach den Sommerferien begonnen hat, "hineinschnuppern". Wenn's klappt, dann kann er dort einsteigen und damit bis Weihnachten ebenfalls noch intensiv deutsch lernen...

16. Oktober 2022 - 22:15

In Kherson hat sich während unseren Ferien nicht sehr viel verändert. Die Ukraine scheint weiterhin auf dem Vormarsch, bis zu einer vollständigen Rückeroberung der besetzten Gebiete dürfte aber noch einige Zeit vergehen. In welchem Zustand Land und Leute dann sein werden ist eine andere Frage...

Lena, Sascha und Yaroslav haben sich in ihrer Wohnung eingelebt und schon gut an die neue Umgebung gewöhnt. Auch Roman hat sich in den zwei Wochen seit seiner Ankunft hier bereits gut erholen können. Mit der Unterstützung von Serhii hat er einen guten Teil der Formalitäten bereits erledigt. Er hat den Status S mit Wohnkanton Bern erhalten und wohnt vorerst bei uns. Wir sind immer noch überzeugt, dass die Unterbringung in einer Gastfamilie für eine rasche Integration ein gutes Konzept ist und wollen da auch weiterhin einen Beitrag leisten.

8. bis 15. Oktober 2022 - 23:15

Ferienpause.

7. Oktober 2022 - 23:30

Diese Woche haben Lena, Sascha und Yaroslav von Asyl Berner Oberland die September-Abrechnung erhalten mit dem Hinweis / der Empfehlung, sie könnten dank ihres Einkommens Ihren Lebensunterhalt bereits ohne Asyl-Sozialhilfe bestreiten. Zunächst einmal ist das - nach gerade mal fünfeinhalb Monaten in der Schweiz - ein Riesenerfolg und Grund zur Freude. Gleichzeitig heisst das auch, dass sie ab sofort für sämtliche Belange - Miete, Versicherungen, Krankenkasse und so weiter - selber schauen müssen resp. dürfen. Ein grosser Schritt in Richtung Unabhängigkeit hier in der Schweiz. Bevor es soweit ist wird es noch ein Gespräch geben, in dem die genauen Modalitäten festgelegt werden. Danach werden sie wie wir alle die besten Versicherungs- und Krankenkassenlösungen evaluieren dürfen...

6. Oktober 2022 - 23:15

Wir (Tanja und Thomas) haben heute einen wunderschönen Tag mit einem langen Spaziergang in der Lüneburger Heide verbracht. Das hilft, etwas Distanz zu gewinnen und Energie zu tanken. Gleichzeitig lassen einen die aktuellen Entwicklungen im Süden der Ukraine nicht ganz los. Zudem versuchen wir aus der Ferne bestmöglich zu unterstützen, damit mit der Registrierung von Roman alles klappt und er eine gute Unterbringung bekommt.

5. Oktober 2022 - 23:15

Körperlich hat sich Roman schon recht gut erholt. Am schlimmsten und anstrengendsten sei die Wartezeit an der Grenze zwischen Russland und Estland gewesen: ausser einer Tankstelle habe es weit und breit nichts gegeben. In der Tankstelle hätten vor allem Frauen und Kinder Schutz gefunden, die Männer seien draussen gewesen. Den grössten Teil der Zeit habe man stehend verbracht, da man ja in einer Warteschlange zum Grenzübertritt gewesen sei und die Position nicht verlieren wollte. Und das während unvorstellbar langen vier Tagen!

4. Oktober 2022 - 23:00

Verfolgt man die aktuelle Berichterstattung zum Kriegsgeschehen in der Ukraine kann man nur froh sein für alle, die in Sicherheit sind und in Gedanken für diejenigen einstehen, die noch vor Ort sind. Es ist davon auszugehen, dass die nächsten Wochen gerade in den besetzten Gebieten hart werden. Es gibt keine vernünftige Erklärung, wie es sich Russland vorstellt, die völkerrechtswidrig annektierten Gebiete auch nur annähernd zu kontrollieren.

Am Wochenende haben wir mit Olga, einer Nachbarin von Oma Galina, die noch vor Ort ist, abgeklärt, ob es überhaupt noch möglich ist, mit Kreditkarten oder ukrainischer Währung zu bezahlen. Nachdem wir ihre Bestätigung erhalten haben, haben wir nach über einem Monat wieder Geld überwiesen. Dieses Mal werden wir Barbeträge an einige bedürftige Personen abgeben. Logistisch ist der Aufwand für die Beschaffung von Medikamenten oder sonstigen Waren aktuell zu gross und zu unsicher.

3. Oktober 2022 - 22:30

Roman hat auch die letzte Etappe seiner Flucht quer durch Osteuropa geschafft und ist heute Abend in der Schweiz angekommen. Insgesamt war er also länger als eine Woche unterwegs. Wir sind froh, dass er da ist und hoffen, dass er sich schnell hier wohl fühlt und zurecht findet.

2. Oktober 2022 - 23:30

Um 7 Uhr heute früh hat sich Roman aus Warschau gemeldet! Auf estnischer Seite sei die Grenzkontrolle ohne Zwischenfälle und zügig abgewickelt worden und auch die knapp 1'000 km lange Fahrt bis Warschau sei gut verlaufen.

Er ist nun für eine Nacht in einem Hotel einquartiert und wird bereits morgen Montag nach Zürich fliegen! Serhii und Ihor werden ihn dort abholen. Einmal mehr dank riesiger Unterstützung aus unserem Umfeld hat Roman für die ersten zwei Wochen eine Bleibe und gute Betreuung.

Tanja und ich sind nämlich ab morgen für zwei Wochen in den Ferien. Dass Roman ausgerechnet in dieser Zeit die Flucht gelingt hatten wir nicht in die Planung einberechnet... Selbstverständlich werden wir die nächsten Tage über Romans Ankunft berichten. Je nach Entwicklung der Lage in der Ukraine gönnen wir uns danach den einen oder andern Tag Pause.

1. Oktober 2022 - 21:30

Bei uns ist es leer und still geworden: Sascha, Lena und Yaroslav haben heute ihre Wohnung in Thun bezogen. Damit beginnt für uns alle nach fünfeinhalb Monaten 2-Familien-WG ein neuer Abschnitt. Wir freuen uns sehr für die drei über diesen weiteren grossen Integrationsschritt.

Mit Roman haben wir kurz sprechen können, nachdem er die russische Grenzkontrolle bereits passiert hatte und diverse Formulare am estnischen Kontrollposten ausfüllen musste. Im besten Fall kommt er morgen in Warschau an. Er wird voraussichtlich etwa zwei Tage dort bleiben, um wieder etwas zu Kräften zu kommen, bevor er danach hierher kommt.

30. September 2022 - 22:30

Roman hängt immer noch an der Grenze fest. Heute hat Serhii etwas länger mit ihm gesprochen. Ein Bus hat ihn bis zur Grenze gebracht und die Leute dort aussteigen lassen. Der Grenzübertritt erfolgt zu Fuss. Auf der andern Seite der Grenze steht dann (so das Versprechen der Schlepper) wieder ein Bus bereit, der die Leute aufnimmt und bis nach Warschau führt.

Freiwillige Helfer verteilen Schlafsäcke und Decken. Er meinte, er wäre in Cherson geblieben, wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet. Allerdings ist die Lage dort auch nicht gerade ermutigend. Militärisch scheint die Ukraine zwar nach wie vor Fortschritte zu machen, umso mehr Druck wird in den (noch) besetzten Städten aber auf die Bevölkerung ausgeübt.

Wir hoffen, dass es Roman morgen über die Grenze schafft und nicht noch eine weitere Nacht im Freien verbringen muss.

29. September 2022 - 22:45

Roman hat sich heute Vormittag vom Grenzübergang gemeldet. Wie befürchtet geht es nicht vorwärts, die Leute übernachten in ihren Fahrzeugen oder draussen. Tagsüber ist die Temperatur nur knapp über 10 Grad, nachts um die 5 Grad.

Nach der Grenze hat er nochmal knapp 1'000 km Fahrt vor sich bis nach Warschau. Ab dort schauen wir dann für einen Flug in die Schweiz.

28. September 2022 - 23:30

Roman ist an der Grenze zwischen Russland und dem Baltikum angekommen! Er rechnet damit, dass es einige Tage (!) dauern wird, bis er über die Grenze kommt. Wir hoffen für ihn dass es nicht allzu kalt wird und es dann vielleicht doch schneller geht als gedacht.

Hier laufen die Umzugsvorbereitungen von Sascha, Lena und Yaroslav auf Hochtouren. Dieses Wochenende ist es soweit: sie beziehen ihre eigene Wohnung!

27. September 2022 - 23:00

Roman hat sich heute Abend aus Woronesch gemeldet - es geht voran...

Dreister geht kaum: der Kreml verkündet einige Minuten nach Ende der Schein-Referenden bereits Resultate. Rund 97% Ja-Anteil in allen Gebieten... Wenn das stimmen würde, würden wir in Cherson alle kennen, die Nein gestimmt haben...

26. September 2022 - 23:45

Roman hat heute Cherson tatsächlich verlassen! Spätabends hat er geschrieben, er sei nun in Simferopol, also auf der Krim. Voraussichtlich wird er nach einer Fahrt quer durch Russland nach Polen ausreisen. Er nimmt also eine ähnliche Fluchtroute wie Tanjas Freundin Luda Anfang Juli. Erschwerend kommt nun dazu, dass seit letzter Woche viele Russen aufgrund der Mobilmachung versuchen auszureisen. Das führt zu grossen Staus an den Grenzübertritten und schärferen Kontrollen. Wir drücken alle Daumen, dass Romans Flucht gelingt und hoffen, dass er bald an einem sicheren Ort ist.

25. September 2022 - 21:45

Oma Galina wohnte in Cherson in einem 9-stöckigen Wohnblock mit mehreren Eingängen. Diese Eingänge sind mit einer Metalltür geschlossen, hinein kommt man nur mit einem Badge oder per Gegensprechanlage. Eine Nachbarin, die noch vor Ort ist, hat erzählt, dass ein Wahlkomitee an die Tür geklopft habe, geöffnet habe niemand. Immerhin: die Wahlleute sind unverrichteter Dinge wieder abgezogen ohne Druck oder Gewalt anzuwenden. Es ist unklar, wie viele der Wahlhelfer selber gezwungen wurden, bei dieser Farce mitzuhelfen. Es gibt auch Hinweise, dass wiederum Leute "importiert" wurden, damit genügend Stimmen zustande kommen.

Fakt bleibt: der Rückhalt der Bevölkerung für diese Schein-Referenden ist gleich null.

24. September 2022 - 22:00

Was wir gestern schon befürchteten scheint nun tatsächlich so: die Grenze zwischen Russland und Georgien ist dicht. Das heisst, dieser Fluchtweg ist für Roman im Moment nicht mehr realistisch. Als Alternative gibt es noch die Route quer durch Russland und dann via Baltikum nach Polen. Heute konnte Roman noch nicht sagen, ob und wann sie genau aufbrechen werden.

23. September 2022 - 21:45

Roman hat sich heute erkundigt, ob die Schweiz immer noch Flüchtlinge aufnehme. Er zieht tatsächlich in Erwägung, zusammen mit zwei Kollegen aus der Nachbarschaft via Georgien zu fliehen! Es ist ungewiss, ob diese Route überhaupt noch passierbar ist. Aufgrund der Mobilmachung in Russland versuchen derzeit auch viele Russen, in Richtung Georgien Russland zu verlassen. Wir hoffen sehr, dass alles gut geht.

22. September 2022 - 23:15

Ab morgen sollen in den besetzten Gebieten die so genannten Referenden abgehalten werden. Die Ergebnisse wurden bereits publiziert: in Cherson soll die Zustimmung 80% betragen. Das hätten Umfragen im Vorfeld gezeigt. Dass man innerhalb einer Woche in einem Kriegsgebiet ein faires Referendum organisieren und im Vorfeld noch verlässliche Umfrageergebnisse erheben kann ist an Absurdität kaum zu übertreffen.

Die Konsequenzen sind gnadenlos: sobald Russland die Gebiete aufgrund der "Referenden" als Teil Russlands ansieht, werden die wehrpflichtigen Männer, insbesondere diejenigen, die - aus welchen Gründen auch immer - in den letzten Wochen einen russischen Pass bezogen haben, in die Armee gegen die Ukraine einbezogen.

21. September 2022 - 22:30

Wie auch in den Medien war heute bei den Leuten hier und in der Ukraine die russische (Teil-)Mobilmachung das grosse Thema. Einerseits schockiert die weitere Eskalation. Andererseits sind sich die meisten einig, dass es eher ein Zeichen der Schwäche der russischen Regierung ist. Bis vor kurzem wurde eine Mobilmachung kategorisch ausgeschlossen. Nun scheint der Kreml keine andere Lösung mehr zu sehen.

Offenbar gab es in zahlreichen Städten in Russland Proteste gegen die Mobilmachung. Allerdings muss sich noch zeigen, wogegen sich der Protest richtet: gegen die Mobilmachung, die nun alle betrifft oder tatsächlich gegen den Krieg und die Greueltaten der russischen Kriegsführung? Etwas verstörend wirkt in diesem Zusammenhang auch die Aussage von Galinas Schwester aus Moskau: "Heute hat hier der Krieg begonnen." - in unserer Wahrnehmung dauert der Krieg bereits 7 Monate, für die Menschen aus dem Donbass dauert er seit 2014...

20. September 2022 - 23:00

Wir haben soeben auf SRF 2 den (empfehlenswerten) Dokumentarfilm «Nawalny – Gift hinterlässt immer eine Spur» über Alexei Nawalny, den bekannten russischen Oppositionspolitiker, geschaut. Im Januar 2021, also etwas mehr als ein Jahr vor Kriegsbeginn, kehrte er nach seiner medizinischen Behandlung aus Deutschland nach Moskau zurück und wurde noch am Flughafen verhaftet. Die Menschen gingen damals zu Zehntausenden protestierend auf die Strasse. Schon damals war die Härte der Polizei unübersehbar. Dass es ein Jahr später kaum Proteste gegen den Angriffskrieg auf das Nachbarland gab wirkt trotzdem verstörend. Es ist unvorstellbar, wie Repression und Propaganda ein ganzes Volk zum Schweigen bringen können.

19. September 2022 - 23:00

Roman, unser MyPAR-Mitarbeiter, der nach wie vor in Cherson vor Ort ist, relativiert seine Fluchpläne von Ende September bereits wieder: bei ihnen ausserhalb von Cherson auf der östlichen Seite des Dnjeprs sei es relativ ruhig. Offenbar sind deutlich weniger russische Truppen und Checkpoints in der Gegend sichtbar als noch vor ein paar Wochen. Roman scheint fest davon überzeugt zu sein, dass sich das ganze Gebiet Cherson bald wieder unter ukrainischer Kontrolle befinden werde. Eine Flucht dränge sich deshalb vermutlich nicht mehr auf...

18. September 2022 - 22:15

Zum heutigen Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag sagen wir einfach DANKE. Danke, dass unsere Lieben gesund hierher kommen konnten. Danke allen, die ohne lange abzuwägen, jemanden bei sich aufgenommen haben. Danke für alle Handreichungen und Spenden, die wir bis heute täglich entgegennehmen dürfen. Danke, dass diejenigen aus unserem Umfeld, die sich entschieden haben zu bleiben, bisher unversehrt geblieben sind.

17. September 2022 - 22:15

Endlich! Die vor langer Zeit bestellten (und bezahlten) Medikamente sind in Cherson eingetroffen. Es war von Anfang an schwierig, Güter von der ukrainischen Seite in die besetzten Gebiete zu bringen. So lange wie dieses Mal hat es jedoch noch nie gedauert. Dabei werden die Medikamente mehr denn je gebraucht. Die Beschüsse sind intensiv und reichen teilweise bis ins Stadtzentrum.

16. September 2022 - 23:00

Tanja arbeitet immer noch rund einen halben Tag pro Woche im Bundesasylzentrum in Bern. Im Gegensatz zu den ersten Wochen, in denen der Ansturm kaum zu bewältigen war, ist es nun viel ruhiger und dadurch auch strukturierter geworden. Geblieben sind die oft traurigen Schicksale. So gibt es zahlreiche Flüchtlinge, die 2014 aus dem Donbass in die Vorstädte von Kiev geflohen sind, sich dort in den letzten Jahren eine neue Existenz aufgebaut haben und nun erneut vor dem Nichts stehen.

Bis Ende Mai lebten ca. 55'000 ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz. Jetzt, Mitte September, sind es 65'500. Im europäischen Vergleich ist das relativ bescheiden. So hat Litauen - bevölkerungsmässig rund 3x kleiner als die Schweiz - fast genauso viele Flüchtlinge aufgenommen. Dies, obwohl die Schweiz sehr grosszügige Unterstützung bietet. Viele zögern aufgrund der Sprache und der hohen Lebenshaltungskosten. Polen (1.4 Mio.) und Deutschland (knapp 1 Mio.) sind immer noch die grössten Aufnahmeländer. Und Russland: 2.6 Mio. - hier allerdings unklar, wie hoch der Anteil unfreiwilliger Deportationen ist.

15. September 2022 - 23:00

Diese Woche haben unser MyPAR-Mitarbeiter Serhii und sein Cousin Ihor zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Mai eine schriftliche Verfügung erhalten, aus der hervorgeht, wie sich ihre Unterstützungsbeiträge zusammensetzen. Das ist insbesondere dann relevant, wenn ein eigener Verdienst dazu kommt. Es gilt auf der einen Seite abschätzen und planen zu können, in welchem Umfang und wie lange sie noch von der Asylhilfe abhängig sind. Gleichzeitig stellt die Behörde (zurecht) Forderungen nach Rückerstattung (da ja ein Einkommen vorliegt). Dass man da genau hinschaut, ob alles "aufgeht", sind wir uns ja auch gewohnt...

Bei Lena, Sascha und Yaroslav ist die Sache komplizierter: wir haben die Verfügung, mit der ihnen der Grundbedarf auf monatlich 912 CHF für Verpflegung, Kleider und persönlicher Bedarf für drei Personen reduziert wurde, nicht akzeptiert und Beschwerde eingereicht. Wir verstehen, dass das bei der zuständigen Behörde keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Entsprechend kühl und schleppend verläuft nun die Kommunikation. Nicht unser Wunschszenario und normalerweise auch nicht unsere Art. Wir hoffen auf eine rasche Bearbeitung und Klärung. Viele Mitarbeitende bei Asyl Berner Oberland, der vom Kanton und vielen Gemeinden beauftragten Organisation, bemühen sich sehr und leisten grossartige Arbeit.

14. September 2022 - 22:30

Sascha hat heute vergeblich versucht, Bekannte in Cherson zu erreichen. Zurzeit sind Infrastrukturausfälle wieder einmal häufiger.

Vielerorts ist die Bevölkerung gespalten: der eine Teil findet sich mit der Besatzung ab und stellt sich auf eine russische Zukunft ein, für den anderen Teil kommt das nicht in Frage. Für Viele ist es schlichtweg eine Frage des Überlebens: ist bspw. jemand auf eine Rente angewiesen, dann bleibt kaum eine Wahl - man ist gezwungen, sich derjenigen Seite anzuschliessen, die überhaupt noch Renten ausbezahlt. Letztlich geht es allen um dasselbe: Normalität ohne ständige Bedrohung.

13. September 2022 - 22:30

Es sind wieder einmal Tage, an denen es aus der Ukraine mehr Gerüchte als Fakten gibt. Fakt ist, dass es der Ukraine gelungen ist, in kürzester Zeit mehr Gebiete als erwartet zurückzuerobern. Wie gross genau diese Gebiete sind und vor allem ob sie auch über längere Zeit gehalten werden können, müssen die nächsten Wochen zeigen.

Eher aus der Gerüchteküche stammen wohl ernsthafte Verhandlungen mit oder gar Kapitulationen von Teilen des russischen Militärs. Was genau sich in Moskau hinter den Kulissen abspielt ist ebenfalls unklar, ein rascher Machtwechsel dürfte aber kaum bevorstehen. Wobei: gegen Michail Gorbatschow, den letzten Präsidenten der Sowjetunion, wurde geputscht als er auf seiner Datscha auf der Krim war. Putin scheint sich aktuell in seiner Residenz in Sochi zu befinden - vielleicht inspiriert das ja ein paar alte Sowjets...

12. September 2022 - 22:45

Am 1. September hat in der Ukraine das neue Schuljahr begonnen. Normalerweise ist das ein grosser Tag für die Kinder, der in der Schule zusammen mit Eltern (die wohl auch nicht so unglücklich sind, dass die 3-monatigen Sommerferien vorbei sind...) begangen wird.

Nach den ersten Schulwochen zeigt sich dieses Jahr ein tristes Bild: die Klassen sind klein geworden, im Vergleich zu vor dem Krieg gibt es nicht mehr viele Kinder und Jugendliche, die geblieben sind.

Im besetzten Cherson wurde auf den russischen Lehrplan umgestellt. Schulen nach ukrainischem Lehrplan wurden verboten. Für die Eltern ist das ein Dilemma, das offenbar häufig dazu führt, dass sie ihre Kinder im Moment gar nicht mehr in die Schule schicken. Einerseits wollen sie sie nicht der russischen Propaganda aussetzen, andererseits ist es vielen einfach auch zu gefährlich. Dazu kommt, dass nun auch von ukrainischer Seite Druck gemacht wird, dass es im Falle einer Rückeroberung Konsequenzen haben könnte für diejenigen, die ihre Kinder während der Besatzung in russische Schulen geschickt haben. Nach zwei Jahren Corona und nun schon mehr als sechs Monaten Krieg sind das keine guten Startbedingungen für Kinder im Schulalter!

11. September 2022 - 21:45

Natascha, eine Jugendfreundin von Tanja, befindet sich immer noch in Cherson. Sie besitzt ausserhalb der Stadt eine Datscha, wo sie und ihr Mann sich seit Kriegsbeginn fast die ganze Zeit aufhielten. Nach der Zerstörung der Brücke über den Dnjepr ist ihr die Überfahrt mit der provisorischen Fähre zu gefährlich. Während der Überfahrt zucke man bei jedem Geräusch aus Angst, es könnte sich um einen Beschuss der Fähre handeln, zusammen.

In den letzten Tagen schlug nur ein paar Hundert Meter entfernt von ihrer Wohnung eine Rakete ein. Obwohl das Ziel, eine militärische Einrichtung, präzis getroffen wurde, macht das natürlich Angst. Ihre Wohnung in Cherson verlassen sie im Moment deshalb nur noch für die nötigsten Besorgungen.

10. September 2022 - 22:00

Hört man aus den Medien oder direkt von den noch vor Ort lebenden Leuten, was sich in der Region Cherson aktuell abspielt und wie bedrohlich nahe die Kämpfe nun an die Wohngegenden kommen, in denen unsere Lieben gewohnt haben, dann sind wir einmal mehr extrem dankbar, dass es aus unserem engen Umfeld allen gelungen ist, rechtzeitig aus Cherson zu fliehen.

9. September 2022 - 23:30

Heute hat Sascha seinen ersten Schweizer Lohn ausbezahlt erhalten. Ein gutes Gefühl, endlich wieder einmal den Lohn seiner Arbeit zu sehen! Allerdings wird der Betrag nicht lange auf seinem Konto bleiben: so lange sie noch bei der Asylsozialhilfe angeschlossen sind, müssen sie das gesamte Einkommen abgeben. Zusätzlich zum Grundbetrag erhalten sie einen Freibetrag von maximal 400 CHF ausbezahlt - sozusagen als "Prämie", dass sie selber ein Einkommen erwirtschaften und nicht allein von der Sozialhilfe leben.

Grundsätzlich macht dieses "Mecano" wohl Sinn und soll Anreiz schaffen, möglichst rasch keine zusätzliche Unterstützung mehr zu benötigen. In der Praxis hängt es aber von sehr vielen Faktoren ab, wann das Einkommen auch mittelfristig ausreicht, für den eigenen Unterhalt sorgen zu können. Dieser Schritt will also gut geplant und durchgerechnet sein...

Letztlich freuen wir uns aber sehr auf dieses nächste "Projekt", zeigt es doch, dass der Schritt zur finanziellen Unabhängigkeit für Lena, Sascha und Yaroslav schon in greifbare Nähe gerückt ist.

8. September 2022 - 22:45

Die Situation in Cherson bleibt unverändert schwierig. Oft fällt der Strom aus. Praktisch ununterbrochen sind Detonationen zu hören. Trotzdem muss der Alltag irgendwie weitergehen. Serhii hat heute erzählt, dass seine Mutter aus ihrem Dorf nach Cherson zum Arzt musste. Die Brücke über den Dnjepr ist nicht mehr passierbar, die Überquerung ist nur noch per Boot machbar. Die Erleichterung war gross, dass letztlich alles geklappt hat und sie unversehrt wieder nach Hause kam.

7. September 2022 - 23:45

Ein grosser Schritt heute für Lena, Sascha und Yaroslav: sie erhielten den Mietvertrag für eine Wohnung in Thun ab dem 1. Oktober! Nun muss Asyl Berner Oberland dem Mietvertrag noch zustimmen, da sie dafür bürgen müssen, solange das Einkommen noch nicht ausreicht, um alle Auslagen zu decken. Läuft mit der Arbeit von Sascha und der Lehre von Yaroslav alles so gut weiter wie bisher sollte das in den nächsten 1-2 Monaten möglich sein.

6. September 2022 - 23:15

Heute Abend verbrachten wir nach längerer Zeit wieder einmal einen gemütlichen Abend in grösserer Runde mit allen unseren ukrainischen Freunden aus Heimberg (resp. Cherson) und einem Teil der Gastfamilien. Die riesigen sprachlichen Fortschritte machen richtig Freude. Zu sehen, wie gut alle hier zurecht kommen, stellt auf und motiviert. Gleich geblieben sind Vikas Torten: die waren und sind nicht zu übertreffen!

5. September 2022 - 23:00

Am MyPAR-Wochenmeeting hat Roma erzählt, wie er die Situation im Moment wahrnimmt. Er befindet sich zusammen mit seinen Eltern immer noch in seinem Heimatdorf auf der östlichen Seite des Dnjeprs. Sämtliche Verbindungswege nach Cherson sind aktuell unterbrochen, auch die provisorische Pontonbrücke, die nach der (teilweisen) Zerstörung der Antonovskii-Brücke erstellt worden war, scheint schon wieder beschädigt. Die ukrainische Armee setzt alles daran, russische Nachschubwege (in diesem Fall aus der Krim) zu unterbrechen. Für Romas Eltern hat das einschneidende Konsequenzen, da sie in der Regel ihre Landwirtschaftsprodukte in der Stadt verkauft hatten. Offenbar konnten sie jetzt aber einen Grossteil der Ernte auf der Krim verkaufen. Noch vor kurzem verbreitete Russland das Narrativ, dass aus der Krim Lebensmittel als "humanitäre" Hilfe in die besetzten Gebiete transportiert wurden... Und nun verkaufen ukrainische Bauern aus den besetzten Gebieten Lebensmittel auf der Krim. Es gibt Vieles in diesem Krieg, was man wohl nie verstehen wird...

Dieser Tage habe ein russischer Soldat bei ihnen an die Türe geklopft und um Essen gebeten. Geschichten von desertierenden russischen Soldaten hat man schon öfters gehört. Entsprechende Berichte häufen sich seit der Offensive der Ukraine im Süden. Für uns ist es unmöglich, solche Fälle unabhängig zu überprüfen - ausser man hört es eben von einer Vertrauensperson. Eine Aussage, wie oft das tatsächlich vorkommt, ist natürlich nach wie vor nicht möglich.

Ende September sei die Ernte dann definitiv vorbei. Da sei es für ihn dann wohl auch an der Zeit zu gehen...

4. September 2022 - 22:30

Abgesehen davon, dass die Temperatur in Cherson stark zurückgegangen sei, haben wir keine verlässlichen Neuigkeiten. In der Regel ist der September im Süden der Ukraine noch sommerlich warm. Dieses Jahr meldet sich der Herbst ungewöhnlich früh. In den ersten Kriegsmonaten spielte das Wetter eher der Ukraine in die Hand. Kaltes und nasses Wetter verlangsamte das Vordringen Russlands vielerorts. Welches Wetter welcher Seite aktuell Vorteile bringt können wir nicht beurteilen. Fakt ist, dass sich viele Menschen in der Ukraine auf kalte Wohnungen im Winter einstellen müssen. Die hier im Westen diskutierten 19 Grad nähmen sie mit Handkuss...

3. September 2022 - 23:00

Nach längerer Zeit hat Sascha heute wieder einmal mit einem Cousin aus Dnjpro gesprochen. Dnipro liegt etwa 350 km nordöstlich von Kherson, weniger als 100 km entfernt vom Kernkraftwerk in Zaporizhzhya und ca. 150 km von der aktuellen Frontlinie entfernt. Der Cousin, die Cousine mit Familie und die Tante sind alle dort geblieben. Es gibt sporadisch Angriffe auf Dnipro, ganz in der Nähe sei ein Haus durch einen Beschuss zerstört worden. Zu den Verwandten in Russland haben sie wie wir auch kaum mehr Kontakt. Es ist schwierig geworden, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Dazu kommt, dass ein allzu offenes Gespräch die Leute in Russland schnell mal in Schwierigkeiten bringen kann. Für uns (und ebenso für die Ukrainer) unvorstellbar, dass man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss, weil sonst Repressionen drohen.

2. September 2022 - 23:30

Schon geht die dritte Arbeitswoche für Yaroslav und Sascha zu Ende! Yaroslav hat heute Abend beiläufig erwähnt, er habe eine 5.5 erhalten. Zuerst besorgte Blicke der Eltern - bis sie erfuhren, dass die Deutschschweizer Notenskala nur bis 6 und nicht wie in der Ukraine bis 12 geht (und 6 die beste Note ist). Das freut natürlich extrem - gerade im Wissen um die riesige Herausforderung, die Yaroslav gerade stemmt mit seiner Ausbildung in einer Sprache, von der er noch vor 4 Monaten kaum ein Wort kannte.

1. September 2022 - 22:00

Hätte uns Ende Februar jemand gesagt, dass wir am 1. September immer noch über den Krieg in der Ukraine und die Situation unserer Familien und MyPAR-Mitarbeitenden berichten, hätten wir das kaum für möglich gehalten. In der Ukraine scheint die Situation verworrener denn je, an ein rasches Ende und eine baldige Rückkehr zur Normalität glaubt kaum mehr jemand. Umso beruhigender zu sehen, wie sich hier Schritt für Schritt ein neuer Alltag einstellt.

31. August 2022 - 22:45

Sascha hat heute mit einem Kollegen aus Cherson sprechen können. Offenbar wurden in Cherson zwei Wohnungen von Raketeneinschlägen zerstört, eine davon im Stadteil, in dem Tanja aufgewachsen ist. Verletzt wurde dabei glücklicherweise niemand. Ob es sich dabei um Irrläufer handelt oder die Stadt nun tatsächlich Ziel der Angriffe wird, bleibt unklar.

30. August 2022 - 21:45

Sascha versuchte heute mehrere Freunde und Kollegen in Cherson zu erreichen - vergeblich. Bilder und Videos in den sozialen Medien zeigen unter anderem ein komplett zerstörtes Gewerbegebäude etwas ausserhalb der Stadt, welches wir immer auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt passiert hatten. Ist es ein Einzelfall? Erreicht die Zerstörung nun tatsächlich auch die Stadt Cherson? Vieles ist im Moment unklar.

29. August 2022 - 23:00

Die Lage in Cherson ist einmal mehr äusserst unübersichtlich. Aus allen Quellen hören wir, dass die Intensität der Gefechte zugenommen hat. Es scheint sich um die schon länger angekündigte Gegenoffensive der ukrainischen Armee zu handeln. Mit welchem Erfolg ist zurzeit unklar.

Wir staunen ob der (relativen) Ruhe und Gelassenheit der Leute. Roma, unser MyPAR-Mitarbeiter, der noch vor Ort ist, hat beispielsweise heute gefragt, ob er am Donnerstagnachmittag frei nehmen könne für einen Zahnarztbesuch. Es dauere jetzt eben etwas länger als früher, um dorthin zu gelangen und man kriege beim einzigen Zahnarzt, der noch in der Gegend arbeite, leider kaum Termine... Absurd, wie Alltagsnormalität und Kriegszustand aufeinanderprallen.

28. August 2022 - 21:45

Während wir hier einen weiteren schönen Sommertag geniessen durften, gibt es in Cherson trotz nach wie vor schönem Wetter und Temperaturen über 30 Grad kaum was zu geniessen. Die Lage hat sich nochmal deutlich verschärft: Stromausfälle, teure Preise für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs und in den letzten beiden Tagen Detonationen in unmittelbarer Nähe - ähnlich wie zu Beginn des Krieges.

Für uns alle, aber vor allem für die Geflüchteten aus der Ukraine, ist es nicht immer einfach, den krassen Unterschied zwischen der Situation in der Schweiz und in der Ukraine auszuhalten. Gleichzeitig ist es wichtig, die Energie für den "neuen Alltag" hier zur Verfügung zu haben.

27. August 2022 - 22:30

Heute haben wir die letzte Flasche ukrainischen Wein getrunken, die uns noch geblieben ist. Einen Malbec vom Trubetskoi Weingut, das wir mehrmals besucht haben. Das Weingut befindet sich rund 70 km entfernt von Cherson, direkt am Staudamm von Novaja Kachovka. Aufgrund der strategischen Lage des Staudamms gehört die Gegend zu einem der Brennpunkte in den russisch besetzten Gebieten. Wie es um das Weingut aktuell steht wissen wir nicht. Die Website sieht zwar immer noch wie vor dem Krieg aus, es werden sogar noch die Exkursionen und Degustationen angepriesen, die wir früher besucht hatten. Die Realität ist leider eine völlig andere. Wir hoffen sehr, dass wir irgendwann wieder mit einem Wein von dort werden anstossen können - und soviel ist klar: dann bleibt es nicht bei einer Flasche...

26. August 2022 - 22:45

In den Medien hat man die letzten Tage einiges gehört über das grösste Atomkraftwerk Europas im Süden der Ukraine und der Gefahr, die davon ausgeht, wenn es unter falsche Kontrolle gerät. Gestern wurde das AKW für einige Stunden komplett vom Netz genommen. Wer das veranlasst hat und welches die Gründe sind bleibt unklar. In Cherson hat man die konkreten Auswirkungen am eigenen Leib erfahren: gestern gab es praktisch den ganzen Tag keinen Strom und als Folge davon auch kein Wasser. Schon hier - über 2'000 km entfernt - beunruhigt die unklare Situation. Und Cherson ist gerade mal 300 km entfernt...

25. August 2022 - 22:30

Gute Neuigkeiten heute betreffend der Wohnungssuche: Lena, Sascha und Yaroslav haben die mündliche Zusage erhalten für eine Wohnung an der Stockhornstrasse in Thun! Geht alles gut erhalten sie nächste Woche das OK von Asyl Berner Oberland und können den Vertrag unterzeichnen. Mietbeginn ist der 1. Oktober. Ein nächstes wichtiges Etappenziel rückt in greifbare Nähe!

24. August 2022 - 22:45

Heute feierte die Ukraine zum 31. Mal ihren Nationalfeiertag, den Tag der Unabhängigkeit. Nach dem August-Putsch gegen Gorbatschow hat sich eine sowjetische Republik nach der andern für unabhängig erklärt, am 24. August die Ukraine. Gut drei Monate später, am 1. Dezember 1991, bestätigen die Wählerinnen und Wähler der Ukraine die Unabhängigkeit mit einem Referendum. Tanja gehörte damals zu den Stimmenzählern - wir können also aus erster Hand berichten, dass zumindest in einem Wahlbüro in Cherson alles mit rechten Dingen zu und her ging... Ich war damals in Charkow und erinnere mich noch sehr gut an die Stimmung. Auf der einen Seite waren sich die meisten bewusst, dass in diesem zweiten Halbjahr 1991 gerade Weltgeschichte geschrieben wird. Andererseits herrschte auch eine grosse Unsicherheit, was die Zukunft bringen würde.

Wir haben einen gemütlichen Abend verbracht, zusammen auf die Ukraine angestossen. In den letzten 30 Jahren hatten wir diesen Tag nie besonders begangen.

23. August 2022 - 22:30

Sascha hat heute auf der Arbeit ganz erstaunt zur Kenntnis genommen, dass der Älteste aus seiner Gruppe die "dreckigste" Arbeit gemacht hat. In der Ukraine hätte es das nie gegeben - da sei die "Baustellen-Hierarchie" ganz eindeutig: der Jüngste/Unerfahrenste macht die anstrengendste Arbeit, die leichteren Aufgaben muss man sich erst verdienen... In solchen Sachen war/ist die Ukraine immer noch sehr konservativ.

22. August 2022 - 22:30

Auf die Leute vor Ort in Cherson wird immer mehr Druck ausgeübt, den russischen Pass anzunehmen. Oft geht das einher mit einem Jobangebot, höheren Löhnen oder Renten oder sonstigen "Privilegien". Die Bedingung ist immer dieselbe: die russische Staatsbürgerschaft. Damit sollen möglichst irreversible Fakten geschaffen werden. Die Leute stecken in einem riesigen Dilemma: einerseits steht vielen wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals. Andererseits kann der russische Pass im Falle einer Rückeroberung durch die Ukraine unter Umständen auch zum Problem werden. Man steht dann in der Beweispflicht, dass man früher die ukrainische Staatsbürgerschaft hatte - Einwohnerregister oder andere Nachweise dürften grösstenteils vernichtet worden sein. Dazu kommt die emotionale Komponente: niemand hat hier auf irgendwelche "Befreier" gewartet.

21. August 2022 - 22:45

Was wir bereits gerüchteweise oder aus Berichten gehört haben, hat uns Tanjas Freundin Luda jetzt aus erster Hand bestätigt: seit sie in Polen sind wurden ihre Nachbarn bereits mehrfach befragt, ob noch jemand in der Wohnung lebe. Regelmässig kommen Polizisten vorbei, klopfen an die Türen und versuchen herauszufinden, welche Wohnungen verlassen sind. Verlassene Wohnungen werden gekennzeichnet und an Leute weitergegeben, die neu in Cherson angesiedelt werden. Ludas Nachbarn (und vermutlich auch viele andere in Cherson) sagen einfach, die abwesenden Nachbarn seien den Sommer hindurch auf der Datscha. Bisher hat das funktioniert, wie lange noch steht in den Sternen...

Bei solchen Berichten stellt sich natürlich die Frage, was für Leute sich in Cherson niederlassen. Wir wissen es nicht genau. Solche Umsiedelungen sind in der russischen und sowjetischen Geschichte jedoch nicht neu: gerade für Leute aus dem Osten oder Norden Russlands kann eine Umsiedelung in den klimatisch milderen Süden durchaus attraktiv sein. Die Umsiedelung erfolgt natürlich unter positiven Vorwänden wie zum Beispiel Aufbauhilfe für die notleidende Bevölkerung. Für möblierte Wohnungen sei ebenso gesorgt. Den Neuankömmlingen dürfte oft gar nicht bewusst sein, dass sie gerade jemandes Wohnung annektieren.

20. August 2022 - 23:45

Das "Projekt Wohnungssuche" kommt in Gang: heute konnten Sascha, Lena und Yaroslav bereits zum vierten Mal eine Wohnung besichtigen. Zwei davon kommen aus unterschiedlichen Gründen nicht in Frage, die dritte wurde an eine andere ukrainische Familie vergeben. Die heute besuchte Wohnung in Thun würde gut passen. Nächste Woche stehen für zwei weitere Wohnungen Besichtigungstermine an. Die meisten Vermieter sind sehr offen für die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine. Wir hatten hier aufgrund der Unsicherheiten betreffend einer möglichen Rückkehr in die Ukraine mehr Bedenken erwartet. Schön zu sehen, dass wir uns darüber zu viele Sorgen gemacht haben und die Hilfsbereitschaft nach wie vor sehr gross ist.

19. August 2022 - 22:45

Die erste Arbeitswoche für Sascha und Yaroslav und die erste Kurswoche von Lena gehen erfolgreich zu Ende. Das Wochenende haben sie sich mehr als verdient!

18. August 2022 - 23:45

Hier müssen (resp. dürfen) wir uns diese Woche wieder etwas umorganisieren: die Arbeitsstellen von Sascha und Yaroslav und Lena's Deutschkurs führen am Morgen zu kleineren Staus vor dem Badezimmer, da wir nun alle etwa um dieselbe Zeit das Haus verlassen. Zudem nehmen sie das Mittagessen von zu Hause mit. Vom Einkauf bis zur Verpackung eine logistische Herausforderung, die wir noch nicht ganz im Griff haben...

Im Vergleich zur Situation vielerorts in der Ukraine sind das verschwindend kleine Sorgen: von einem guten Freund von Sascha und Lena hören wir, dass er und seine Familie mittlerweile so weit sind, dass sie Cherson verlassen möchten. Sie haben sich sehr lange dagegen entschieden. Seine Mutter und Schwiegermutter weigern sich jedoch weiterhin zu fliehen. Ohne sie wegzugehen ist keine Option - zu gross das Risiko, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr alleine zurecht kämen, zu gross die Bedenken, dass man sich später grosse Vorwürfe machen könnte, sie im Stich gelassen zu haben.

17. August 2022 - 22:30

Heute hatte Yaroslav den ersten Tag im Betrieb bei Noser Young in Worblaufen. Er ist einer von nur drei ukrainischen Jugendlichen im Kanton Bern, die so kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz eine Lehre beginnen. Darüber hat heute sogar TeleBärn News berichtet!

Beitrag auf telebaern.tv anschauen

16. August 2022 - 22:45

Nebst der Arbeit bei MyPAR unterstützt Roma seine Eltern auf dem Landwirtschaftsbetrieb. Wie der genau aussieht wissen wir leider nicht - ein Besuch bei ihm und seinen Eltern stand weit oben auf unser "To do"-Liste für einen der nächsten Besuche in Cherson...

Roma hat erzählt, dass sie extrem Mühe hätten, die Tomaten und Peperoni zu verkaufen. Bedarf wäre zwar vorhanden, die zerstörte Infrastruktur, vor allem die Brücke über den Dnjepr, verhindert jedoch die Lieferung in die Stadt. Ausserhalb der Stadt haben praktisch alle ihre Gärten und sind oft Selbstversorger - da wird man grosse Mengen an Früchten und Gemüse nicht los.

15. August 2022 - 23:30

Für Sascha und Yaroslav war heute sowas wie der erste "Schultag": Yaroslav hat seine Lehre begonnen - tatsächlich mit einem Schultag in der Gewerbeschule - und Sascha hatte seinen ersten Arbeitstag bei Beosolar. Yaroslav hatte gleich anschliessend noch drei Lektionen Deutschkurs - volles Programm... Yaroslav meinte, er habe ungefähr 70% verstanden im Unterricht. Das ist doch bemerkenswert nach vier Monaten! Sascha's Tag war zwar körperlich anstrengend - was man ihm auch ansah - verlief aber ebenfalls sehr positiv. Er ist Teil eines 3er-Teams. Zusammen montieren sie eine Solaranlage auf einem Einfamilienhaus in Aeschi bei Spiez. Die Kollegen hätten sich Zeit genommen, ihm alles zu erklären und sich sehr bemüht, langsam mit ihm zu sprechen.

In kurz: Bei beiden ist der Start mehr als geglückt.

14. August 2022 - 22:45

Nach ein paar Tagen verhältnismässiger Ruhe in Cherson gab es heute offenbar wieder viele Detonationen rund um Cherson. Im Gegensatz zum Beginn des Krieges nehmen das die Leute heute schon fast gelassen, zählen die Raketen, die ihnen über die Köpfe fliegen - es ist Teil ihres Alltags geworden. Arbeit gibt es kaum mehr, die Preise zeigen nur in eine Richtung: nach oben. Trotzdem hören wir kaum Klagen. Die Adaptierfähigkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer ist einmal mehr verblüffend.

13. August 2022 - 23:45

Nach wie vor sind die Berechnungsgrundlagen für den Grundbedarf, der den Ukrainischen Flüchtlingen ausbezahlt wird, uneinheitlich und für uns nicht nachvollziehbar. Wie bereits in einem früheren Beitrag geschrieben, müssen Lena, Sascha und Yaroslav während der nächsten 10 Monate pro Monat 125.00 CHF wegen eines Berechnungsfehlers seitens Asyl Berner Oberland zurückbezahlen. Was genau der Fehler war wurde nicht kommuniziert. Bei Serhii und seinem Cousin Ihor ist ebenfalls unklar, auf welcher Grundlage ihnen die Beträge ausbezahlt wurden. Wir haben nun gemeinsam entschieden, dass wir bei allen unseren Leuten nochmal genau hinschauen und gegebenenfalls bei Asyl Berner Oberland oder beim Kanton intervenieren werden. Die Leute sind auf diese Beiträge angewiesen - grosse Sprünge sind damit definitiv nicht möglich.

Korrekt finden wir hingegen, dass neu auch die Vermögensverhältnisse genauer angeschaut werden sollen. In den ersten Monaten war es pragmatisch und effizient, bei allen ankommenden Flüchtlingen davon auszugehen, dass kein Vermögen vorliegt. Nun ist es richtig, dass auch in diesem Punkt die Gleichbehandlung mit Flüchtlingen aus andern Ländern wiederhergestellt wird. Auf uns kommt da zum Glück keine neue Herausforderung zu - bei unseren Leuten ist mit Ausnahme von Saschas über 10-jährigem Auto nichts zu holen... Aber es wird auch hier knifflige Fälle geben: wie geht man mit der Familie um, die im SUV hierher geflohen ist, weil ihr Haus zerbombt und ihr bis im Februar florierendes Geschäft zerstört ist? Sollen sie den letzten Luxus, der ihnen aus ihrem vorherigen Obere-Mittelklasse-Leben geblieben ist, der Schweizer Sozialhilfe abgeben müssen?

12. August 2022 - 22:30

Tanja arbeitet immer noch einen Tag pro Woche im Bundesasylzentrum in Bern. Im Gegensatz zu den ersten zwei, drei Monaten ist es sehr ruhig geworden. Aktuell gibt es kaum mehr ankommende Flüchtlinge, für die eine Bleibe gesucht werden muss. Der ganze Prozess ist zudem auch viel effizienter geworden, man kann sich online für einen Termin registrieren und steht nicht einfach am Morgen in die Warteschlange.

So hat die Zeit sogar gereicht, sich per WhatsApp mit Luda und Tanja (der ehemaligen Nachbarin von Galina) auszutauschen. Luda hat in Polen eine Arbeit gefunden - Schichtarbeit in einer Fabrik. Tanja ist immer noch bei ihrer Schwester auf der Krim, spielt aber bereits mit dem Gedanken, nach Cherson zurückzukehren. Wir bezweifeln, dass das eine gute Idee ist...

Am Freitagsmeeting von MyPAR hat Roma (einmal mehr...) gesagt, dass er im Herbst wohl das Gebiet von Cherson verlassen würde. Er könne die Eltern während der Erntezeit nicht im Stich lassen, aber danach...

11. August 2022 - 22:00

Aus Cherson hören wir im Moment nicht sehr viel, es scheint keine grösseren Veränderungen zu geben. Die Lage im ganzen Süden der Ukraine bleibt angespannt. Immer noch verlassen viele Einwohner die Stadt. Fast täglich erfahren wir von jemandem aus dem erweiterten Bekanntenkreis, dass sie die Flucht wagen. Die Hauptroute führt über die Krim, Russland und dann entweder via Georgien oder Lettland und Litauen in den Westen. Nach wie vor gibt es aber auch Leute, die sich über die Frontlinie in den unbesetzten Teil der Ukraine wagen und dann entweder dort bleiben oder nach Polen ausreisen.

10. August 2022 - 22:15

Grosser Tag für Sascha heute: er hat bei der Firma Beosolar GmbH in Spiez einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Hilfsmonteur für Solaranlagen unterzeichnen dürfen! Unmittelbar nach der Unterzeichnung konnte er bereits die Arbeitskleidung in Empfang nehmen - am nächsten Montag geht es los auf einer Baustelle in Aeschi. Wir betrachten es als überhaupt nicht selbstverständlich, dass ein Betrieb bereit ist, jemandem diese Chance zu geben, auch wenn keine Diplome, Arbeitszeugnisse oder was sonst hier bei einer Anstellung so angeschaut wird, vorliegen.

9. August 2022 - 23:30

Schon vor ein paar Tagen hat Tanja länger mit ihrer Freundin Luda, die nach Polen geflüchtet ist, gesprochen. Von den Strapazen der Flucht haben sie, ihr Mann, ihr Vater und die Katze, die ebenfalls mit durfte, sich den Umständen entsprechend gut erholt. Sie wohnen in einer eigenen kleinen Wohnung, die Sohn Dima für sie organisiert hat. Dima lebt schon seit einigen Jahren in Lublin. Er hat vor kurzem dort seine Ausbildung abgeschlossen.

Die finanzielle Unterstützung für die ukrainischen Flüchtlinge ist in Polen vergleichsweise gering. Betrachtet man die Zahlen, dann wird rasch klar warum: In Polen sind (Stand: 3. August 2022) mehr als 1.2 Mio. ukrainische Flüchtlinge registriert, was rund 3.5% der Bevölkerung ausmacht. In der Schweiz sind es knapp 60'000 oder 0.7% der Bevölkerung. Schon vor dem Krieg bestand zwischen Polen und der Ukraine ein reger Austausch. Die Chancen, dort auch ohne breite Integrationsmassnahmen Fuss zu fassen, sind deshalb einigermassen intakt.

8. August 2022 - 23:00

Heute sind wir einer unserer nächsten Prioritäten ein sehr gutes Stück näher gekommen: Sascha hatte heute ein Vorstellungsgespräch und erhielt die mündliche Zusage für eine 100%-Stelle! Wenn alles wie vorgesehen funktioniert kann er noch diese Woche den Vertrag unterzeichnen und nächste oder übernächste Woche starten.

7. August 2022 - 22:15

Ein guter Freund von Lena und Sascha, der noch in Cherson ist, wurde vor ein paar Tagen von der Polizei angehalten und kontrolliert. Er war mit dem Auto eines Bekannten unterwegs. Da der Fahrzeugausweis nicht auf ihn lautete wurde er verhaftet und erst nach einem Tag freigelassen, als der Eigentümer des Fahrzeugs bestätigte, dass alles seine Richtigkeit habe. So seien eben die Gesetze in Russland. Daran habe man sich jetzt auch in Cherson zu halten...

Eine von vielen Episoden, die den Alltag in den besetzten Gebieten zurzeit prägen. Wer bitte schön befreit da wen von was?

6. August 2022 - 21:45

Vom Ende Juli überwiesenen Betrag haben wir bereits viele Rückmeldungen in Form von Fotos erhalten. Die Unterstützung wird immer noch sehr geschätzt. Abgesehen von der willkommenen Entlastung des kaum mehr vorhandenen Haushaltsbudgets ist es auch ein Zeichen der Verbundenheit und ein Signal, von der restlichen Welt nicht vergessen worden zu sein. Wie verlassen muss man sich in einer halbleeren, unter Belagerung stehenden Stadt fühlen!

Gerade die aktuelle Situation in Cherson macht deutlich, dass nicht nur für die Menschen aus den zerstörten Städten eine Rückkehr in absehbarer Zeit kaum vorstellbar ist. Auch in den belagerten Gebieten wird es lange Zeit dauern, bis sich die Lage soweit stabilisiert hat, dass ein normales Leben wieder möglich ist. Für unsere Familien heisst das, sich langsam, aber sicher mit dem Thema Wohnungssuche auseinanderzusetzen. So gut das Konzept mit den Gastfamilien funktioniert und sich für die Integration aus unserer Sicht hervorragend bewährt - gerade für "ganze" Familien wird das Modell irgendwann zur Bewährungsprobe. Wer also jemanden kennt, der jemanden kennt, die von jemandem weiss... Ihr wisst schon...

5. August 2022 - 23:00

Am heutigen Freitagsmeeting von MyPAR hat Roman erzählt, gestern sei er im Garten in der Hängematte gelegen. Plötzlich sei eine Drohne in geringer Höhe mehrmals über sein Wohnhaus gekreist. Kurz darauf sei ein Fahrzeug mit russischen Soldaten vorgefahren, habe ihn und weitere Leute befragt und seinen Onkel, der im Haus nebenan wohnt, mitgenommen. Gegen Abend hätten sie ihn wieder freigelassen. Es hat sich herausgestellt, dass sie nach jemandem gesucht haben, der schon länger nicht mehr dort wohnt. Leider gehen nicht alle solchen "Vorfälle" so glimpflich aus. Der Schrecken sitzt deshalb tief nach so einem Erlebnis.

Von einer ehemaligen Nachbarin und guten Freundin von Tanjas Mutter haben wir heute erfahren, dass sie Cherson nun doch verlassen hat und vorerst bei ihrer Schwester in Simferopol auf der Krim ist. Ihre beiden erwachsenen Kinder sind schon längst weg und versuchten alles, ihre Mutter zur Flucht zu bewegen.

Es ist für uns manchmal schwer nachvollziehbar, warum Menschen wie Roman und Galinas Freundin, die eigentlich die Möglichkeit zur Flucht hätten, so lange ausharren. Aber es ist und bleibt ein sehr persönlicher Entscheid, der zu respektieren ist.

4. August 2022 - 23:00

Heute war wieder einmal ein Behördengang angesagt: zusammen mit Sascha und Lena hatten wir ein Gespräch bei "Asyl Berner Oberland", der Organisation, die sich im Auftrag der Gemeinden um die Betreuung von Asylbewerbenden kümmert. So viel vorweg: der für die Familie zuständige Integrationsberater war sehr zuvorkommend, gut vorbereitet und bemüht, auf offene Fragen einzugehen.

Die Botschaft, die er uns übermittelte, war jedoch weniger erfreulich: aufgrund einer falschen Einreihung zu Beginn werden die Unterstützungsbeiträge für Lena, Sascha und Yaroslav ab diesem Monat signifikant gekürzt - und die seit April aus seiner Sicht zu viel erhaltenen Beiträge müssen zurückbezahlt werden, es bleiben weniger als 800 CHF pro Monat für drei erwachsene Personen. Auch wenn sie für Unterkunft und Versicherungen nichts bezahlen müssen, ermöglicht das keine grossen Sprünge... Die neue Berechnung beruht darauf, dass sie von einem 6-Personen-Haushalt ausgeht - wir "Gastgeber" werden bei der Haushaltsgrösse also mitgezählt, ausbezahlt wird aber nur für drei Personen. Die rechtliche Grundlage dafür werden wir noch etwas vertieft anschauen... Fortsetzung folgt...

3. August 2022 - 23:00

Für heute mal ein kleiner Lichtblick aus Cherson: so wie es aussieht hat Lena mit ihrem Netzwerk einen Weg gefunden, die schon länger bestellten Medikamente in die Stadt zu bringen. Wir hoffen, dass es in den nächsten Tagen klappt.

2. August 2022 - 23:15

Die Lage im Süden der Ukraine spitzt sich weiter zu. Nicht russisch besetzte Städte wie Mykolayiv, die Nachbarstadt von Cherson, stehen praktisch unter Dauerbeschuss. In Cherson steigt einerseits die Anspannung, was die kommenden Wochen bringen, andererseits versuchen die Menschen, so "normal" wie möglich den Alltag zu bestreiten. Wie gross dieser Spagat ist, können wir uns kaum vorstellen. Oft fragen wir uns, was die Leute überhaupt noch vor Ort hält. Manchmal ist es die Angst, alles in den letzten Jahren Aufgebaute - Geschäft, Wohnung usw. zu verlieren. Manchmal die Angst, die Flucht nicht heil zu überstehen. Oder schlicht finanzielle Gründe: aktuell kostet die Flucht aus Cherson mehrere Hundert Franken pro Person - in etwa ein durchschnittliches Monatsgehalt. Für viele Familien oder ältere Leute ist das ausser Reichweite.

Gestern ist ein guter Artikel / Podcast erschienen, der das Leben unter der russischen Besatzung und die Möglichkeiten zur Flucht treffend beschreibt. Aus dem Bekanntenkreis von Sascha und Lena hören wir sehr ähnliche Schilderungen.

1. August 2022 - 23:45

Wir haben einen sehr gemütlichen 1. August mit Familie und Freunden verbracht. Hätte uns Anfang Jahr jemand gesagt, mit wem wir heute feiern werden, hätten wir das wohl als unrealistisch zurückgewiesen. Das führt uns einmal mehr vor Augen, wie krass sich die Lage innerhalb kurzer Zeit verändert hat.

Heute sind wir aber einfach einmal mehr froh und dankbar für das viele Positive, das wir in den vergangenen Monaten nebst den Schrecken des Krieges auch erleben durften und dürfen.

28. Juli 2022 - 14:00

Unsere Ferien neigen sich langsam dem Ende zu. Ab nächster Woche publizieren wir wieder täglich, was uns und die Menschen in Cherson beschäftigt im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen in der Ukraine. Heute haben wir aktuelle Informationen zur Verwendung der Spenden publiziert und - endlich - auch die Seite "Was WIR tun können" aktualisiert. Insbesondere unsere Einschätzung, wie die russische Bevölkerung zum Krieg steht, bedurfte einiger Präzisierung. Die Aussagen unter "(Ein wenig) frieren" sind zwar grad nicht so brennend, die Diskussionen zu den Rohstoff-Abhängigkeiten in Westeuropa hingegen schon. Schön zu sehen, dass sich da doch jetzt einiges zu bewegen scheint.

Akut bewegt die Frage, wie erfolgreich die Gegen-Offensive der Ukraine im Süden ist. Das Gebiet Cherson ist aufgrund der geografischen Lage besonders im Fokus. Im Wissen um die zerbombten Städte im Osten machen wir uns natürlich Gedanken und Sorgen, wie das ausgeht. Interessanterweise nehmen es die Leute in Cherson selber recht gelassen, sie leben ihren Alltag, so gut es geht.

16. Juli 2022 - 23:45

Schon länger haben wir nichts mehr geschrieben über Amtsschimmel und Behördengalopp. Es ist nicht so, dass jetzt einfach alles rund laufen würde. Aber man darf schon sagen, dass sehr viel sehr gut und pragmatisch läuft. So haben wir beispielsweise innert eines Tages eine Kostengutsprache erhalten für Yaroslav: einerseits kann er im Juli einen eigentlich nicht subventionierten Deutschkurs besuchen, um sich optimal auf den Start seiner Lehre vorzubereiten, andererseits wird der Grossteil der Pendlerkosten nach Worblaufen finanziert werden. Am letzten Freitag besuchte uns eine Vertreterin der Gesundheits- und Integrationsdirektion des Kantons Bern. Gastfamilien mit ukrainischen Flüchtlingen werden systematisch besucht, um allfällige Schwierigkeiten oder gar Missstände zu erkennen und bei Bedarf zu unterstützen oder einzugreifen. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Situation eher untypisch ist. Viele Flüchtlinge, z.B. Frauen mit (kleinen) Kindern, gehören zu besonders vulnerablen und entsprechend gefährdeten Gruppen. Da ist es gut zu wissen, dass genau hingeschaut wird.

Wir haben ab heute zwei Wochen Ferien - deshalb werden wir bis Ende Juli voraussichtlich nicht täglich Updates publizieren. Selbstverständlich verfolgen wir die Entwicklungen nach wie vor - das Thema lässt sich leider nicht einfach mal pausieren - und bleiben mit den Leuten aus Cherson im Austausch.

15. Juli 2022 - 23:45

Von allen Leuten, die Cherson verlassen haben, spüren wir grosse Erleichterung. Aktuell kann sich kaum jemand vorstellen, zurückzukehren. In der Stadt durchsuchen russische Soldaten systematisch Garagen, weil Waffen vermutet werden. Das beunruhigt auch Sascha, da er mehrere Garagen selber gebaut hat und vermietet. Was geschieht mit Garagen, deren Besitzer aktuell nicht vor Ort sind? Niemand weiss es...

14. Juli 2022 - 22:45

Die Preise für praktisch alles steigen in Cherson nach wie vor sehr stark an. Wir haben uns schon früher oft gewundert, wie die Leute zurecht kamen. Wie sich die Menschen vor Ort in der aktuellen Situation durchschlagen ist uns ein Rätsel. Dank den vielen Spenden können wir wenigstens punktuell etwas helfen, wie die Bilder der letzten Überweisung zeigen.

13. Juli 2022 - 23:00

Bereits vor rund zwei Monaten hatten wir geschrieben, dass die Lage in Cherson ungemütlich geworden ist. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass es noch viel schlimmer werden könnte. Mittlerweile hören wir von Vielen, für die bisher eine Flucht nicht in Frage kam, dass sie sich damit auseinandersetzen. Je länger je mehr bleibt wirklich nur noch, wer keine andere Wahl hat.

Von Luda hören wir, dass sie sich langsam, aber sicher in Lublin einleben. Dazu trägt nicht zuletzt bei, dass ihr Sohn Dima diese Woche seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat.

12. Juli 2022 - 23:00

Was man die letzten Tage hier in den Medien über Cherson las und hörte bestätigen unsere Kontakte, die noch vor Ort sind. Die ukrainische Seite scheint tatsächlich zu versuchen, den Teil des Gebiets Cherson westlich des Dnjeprs zurückzuerobern. Dazu gehört auch die Stadt Cherson selber. Heute wurden Orte in der Stadt beschädigt, unter anderem in unmittelbarer Nähe der Garagen, wo Sascha seinen Lieferwagen geparkt hat. Glücklicherweise gab es gemäss aktuellen Erkenntnissen keine Opfer.

7. Juli 2022 - 19:15

Heute war einer der emotionalsten Momente der letzten Monate: Yaroslav hat seinen Lehrvertrag unterzeichnet! Im August startet er bei Noser Young AG in Bern die vierjährige Ausbildung zum Informatiker, Fachrichtung Applikationsentwicklung. Die Zeit bis im August wird er nutzen, um sein deutsch weiter auszubauen.

In eigener Sache: Wir gönnen uns ein verlängertes Wochenende. Der nächste Beitrag folgt deshalb erst am nächsten Dienstag.

6. Juli 2022 - 22:15

In diesen Stunden treffen Luda, ihr Mann und ihr Vater in Lublin ein! Nach über 80 Stunden und ca. 3'500 km Fahrt. Den Tag hindurch hat Luda ab und zu geschrieben, wie es ihnen ergeht. Schon die lange Fahrt ist natürlich unglaublich anstrengend. Dazu kam der Stress am Grenzübergang zur Ausreise aus Russland, wo sie offenbar stundenlang spätabends warten mussten. Wir wünschen ihnen sehr, dass sie sich in den nächsten Tagen gut erholen und nach allen Strapazen der letzten Wochen etwas zur Ruhe kommen können.

5. Juli 2022 - 22:15

Heute Mittag endlich ein erstes kurzes Signal von Luda: sie befanden sich noch rund 6 Fahrstunden von der lettischen Grenze entfernt. Im besten Fall sind sie jetzt also bereits in Lettland oder Litauen.

In Cherson wurden offenbar weitere beliebte Online-Kanäle / soziale Medien gesperrt. Sämtlicher (kritischer) Austausch in der Bevölkerung soll unterbunden, der immer noch aktive Widerstand gegen die Besatzung gebrochen werden.

4. Juli 2022 - 22:45

Bisher haben wir von Luda noch kein Lebenszeichen erhalten. Wir gehen davon aus, dass "no news good news" sind - trotzdem würde uns eine kurze Nachricht natürlich beruhigen. Sie sind nun doch schon über 36 Stunden unterwegs und müssten irgendwo zwischen Krasnodar und Moskau sein.

3. Juli 2022 - 22:15

Heute früh haben wir von Luda, Tanjas Freundin, die Nachricht erhalten, dass sie sich zusammen mit ihrem Mann und ihrem Vater auf den Weg Richtung Westen gemacht hat. Sie hat bereits vor einigen Tagen Bemerkungen gemacht, dass sie die Flucht konkret in Betracht ziehen, ohne jedoch einen konkreten Termin noch eine Fluchtroute zu nennen. Gemäss der Meldung von heute Morgen fliehen sie per Bus via Krim - Russland - Litauen - Polen. Das bedeutet rund drei Tage Busfahrt - mehr oder weniger ohne Unterbruch - ausser für die Grenzübertritte: die müssen offenbar zu Fuss zurückgelegt werden. Auch geschlafen wird im Bus.

Vorerst wollen sie dann in Polen bleiben, voraussichtlich in Lublin, wo Dima, ihr Sohn, lebt und arbeitet.

2. Juli 2022 - 22:15

Saschas Freund hat es tatsächlich bereits bis nach Moskau geschafft! Das sind von Cherson aus via Krim - Krasnodar - Rostow ca. 2'000 km. Auf der ganzen Fahrt seien sie unbehelligt geblieben, ja teilweise wurden ihnen sogar die Autobahngebühren erlassen. Bis nach Lettland sind es nun nochmal rund 700 km und von dort zur polnischen Grenze weitere 400 km. Es sind unglaubliche Distanzen, die viele Menschen aktuell zurücklegen müssen, um sich wieder in Sicherheit zu fühlen.

1. Juli 2022 - 23:15

Während sich an den ukrainischen Grenzen die Ein- und Ausreisen in etwa die Waage halten, verlassen immer noch sehr viele Menschen die besetzten Gebiete im Süden. Ein guter Freund von Sascha ist vor ein paar Tagen zu seinem Bruder auf die Krim gefahren und plant mit dem eigenen Auto quer durch Russland via Baltikum nach Polen zu gelangen. Wir sind nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist, hoffen für ihn natürlich, dass die Reise gelingt.

Cherson wirkt wie ausgestorben. Schaue man am Abend zum Fenster hinaus gebe es kaum Lichter in den gegenüberliegenden Wohnhäusern. Aktuell kann sich niemand vorstellen, wie diese Stadt wieder zu ihrem vorherigen pulsierenden Leben zurückfinden soll.

30. Juni 2022 - 22:45

Heute war für Lena und Sascha der letzte Kurstag vor der Sommerpause. Viermal pro Woche à jeweils vier Lektionen intensiv deutsch Lernen hat den Alltag die letzten fast zwei Monate geprägt. Die Fortschritte lassen sich sehen. Beim Sprechen mischen sich englisch, russisch und deutsch verständlicherweise nach wie vor ab und zu, sich im Alltag zurechtzufinden, Verstehen, was das Gegenüber meint geht von Tag zu Tag besser. Es ist noch nicht ganz definitiv, aller Voraussicht nach können sie ab August einen Fortsetzungskurs besuchen.

29. Juni 2022 - 22:30

Für das heutige Highlight sorgt Yaroslav: er hat erfolgreich ein Assessment bei der Firma Noser Young absolviert und damit die - vorerst mündliche - Zusage erhalten, ab August die Ausbildung als Applikationsentwickler starten zu können! Damit ist eine unserer wichtigsten Prioritäten - eine gute Anschlusslösung für Yaroslav - in greifbare Nähe gerückt.

28. Juni 2022 - 22:45

Aus unserem Umfeld in Cherson hören wir von keinen grossen Veränderungen in und rund um Cherson. Lena ist daran, eine "Einkaufsliste" für Medikamente und weitere Hilfsgüter zusammenzustellen, um die nächste Lieferung vorzubereiten. Im Moment besteht Hoffnung, dass in den nächsten Tagen Transporte aus den nicht besetzten Gebieten möglich sind.

27. Juni 2022 - 22:00

Für heute einmal schöne Nachrichten aus Cherson: eine Familie, die wir mit unserer Nothilfe unterstützen hat Nachwuchs bekommen! Stefania - ein gesundes Mädchen. Das Leben geht weiter, irgendwie.

26. Juni 2022 - 22:30

Von immer mehr Leuten, die noch in Cherson sind, hören wir, dass sie es sich nun doch überlegen, wegzugehen. Aus Cherson in nicht russisch besetztes Gebiet der Ukraine zu gelangen, ist kaum mehr möglich. Es bleibt praktisch nur noch der Weg via Krim nach Russland. Von dort entweder weiter nach Georgien oder quer durch Russland und via die baltischen Staaten nach Westeuropa ausreisen. Das schliesst eine Flucht mit dem eigenen Auto praktisch aus. Mit ukrainischen Kennzeichen durch Russland zu fahren dürfte aktuell keine gute Idee sein...

25. Juni 2022 - 21:30

Heute konnten wir länger mit Tanjas Freundin Luda sprechen, die Verbindung war erstaunlich gut. Zu unserer Überraschung haben sie, ihr Mann und ihr Vater sich entschieden, Cherson zu verlassen. Zuerst war das kein Thema, weil Ludas Vater partout nicht weg wollte, danach ging es ihm gesundheitlich zu schlecht. Nun scheint sich eine Möglichkeit zu bieten. Im Gegensatz zu vor zwei Monaten, wo wir gemeinsam überlegt haben, welches der beste Fluchtweg wäre, sind wir jetzt sehr vorsichtig. So absurd das für uns hier klingt: es ist davon auszugehen, dass die Gespräche abgehört werden mit schlimmstenfalls negativen Konsequenzen für die Leute vor Ort.

24. Juni 2022 - 23:45

Verschiedene Kontakte in Cherson sagen übereinstimmend, dass die Detonationen rund um die Stadt intensiver und lauter - heisst wohl näher - sind als die letzten Wochen. Einmal mehr ist von schwierigen nächsten Tagen auszugehen.

23. Juni 2022 - 22:45

Wir hätten nie gedacht, dass Propaganda stärker sein kann als familiäre Bande. Leider hören wir von vielen Zerwürfnissen zwischen Ukrainern und ihren Verwandten aus Russland. Auch wir werden davon nicht verschont: gestern hatte Sascha ein äusserst verstörendes Gespräch mit einer Tante, die in Moskau lebt und zu der wir bislang ein sehr gutes Verhältnis hatten. Kurz vor Corona hatte sie uns hier in der Schweiz besucht. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass die Ukraine selber schuld sei an der aktuellen Lage und dass der ganze Krieg von den Amerikanern orchestriert sei. Es ist nur schwer erträglich und für uns nicht nachvollziehbar, dass sie den Informationen im russischen Fernsehen mehr Glauben schenkt als den Berichten ihrer nahen Verwandten, die vor Ort waren und "live" erlebt haben, was vor sich geht. Schlimmer noch: sie leistet fleissig Überzeugungsarbeit bei Halyna, ihrer Schwester. Wir suchen noch nach Strategien, wie wir damit umgehen können...

22. Juni 2022 - 22:45

Freudige News heute aus Polen: Katja, die Tochter von Lenas Schwester Oksana, hat heute ihr Kind, ein Junge, geboren! Das hat dazu geführt, dass ich heute Abend zum ersten Mal in meinem Leben einer Urgrossmutter eine E-Banking App - inkl. TWINT - auf ihrem Smartphone installiert habe. Luba will das Online-Banking unbedingt nutzen - sie war schon ganz ungeduldig, warum sie die Unterlagen erst heute erhalten hat - bestellt habe sie sie doch schon am Montag...

21. Juni 2022 - 23:15

Gute und überraschende Neuigkeit: Vika hat einen Deutschkurs gefunden, der ab Anfang Juli zweimal pro Woche in Thun stattfindet! Wir hatten die Suche für den Sommer bereits aufgegeben und uns darauf eingestellt, dass es dann ab August wieder los geht mit den Kursen. Sie hat selbstständig weiter gesucht und ist fündig geworden. Das freut uns natürlich sehr.

20. Juni 2022 - 23:00

Gestern Abend war eigentlich ein gemütlicher Sommerabend geplant. Bis es zu gewittern begann und Hündin Sabi wegen des Donners keinen ruhigen Moment mehr fand. In einem unbeaufsichtigten Moment entwischte sie nach draussen und ward nicht mehr gesehen. Wie viele Hunde war sie immer schon lärmempfindlich, die 1.5 Monate Krieg haben das vermutlich noch verstärkt. Die Geschichte endete heute Vormittag mit einem Anruf der Tierklinik, wo Sabi spätabends von der Polizei abgegeben worden war. Gut versorgt konnten wir sie dort abholen und erhielten gleich noch ein paar Tipps, wie wir Sabi beruhigen können, wenn's wieder mal stürmt... Schon krass: hier schaut man besser zu den Hunden als vielerorts zu den Menschen... Wie dankbar können wir trotz aller Unzulänglichkeiten sein, in einem solchen Land zu leben.

Aus Cherson hören wir heute von einer guten Bekannten und Nachbarin von Halyna, dass sie ihre Datscha aufgebrochen und total chaotisch vorgefunden habe. Ein Nachbar habe beobachtet, wie junge ukrainische Soldaten eingebrochen sind und Kleider gesucht haben. Etwas später wurden sie von einem Auto abgeholt. Offensichtlich sind sie von einem nahen Militärstützpunkt geflohen und wollten wohl nur eines: sich in Sicherheit bringen.

19. Juni 2022 - 22:00

Die Gerüchte verdichten sich, dass die ukrainische Armee in den nächsten Tagen (noch) intensiver versuchen wird, Teile der besetzten Gebiete im Süden - darunter Cherson - zurückzuerobern. Der gestrige Besuch Selenskis im benachbarten Gebiet Mykolajiw könnte ein Anzeichen dafür sein. Einerseits wäre das natürlich wünschenswert, andererseits hat man in andern Städten gesehen, wie skrupellos die russische Armee auch gegenüber der Zivilbevölkerung vorgeht. Es stehen bange Tage bevor.

Zu Tanjas Freundin Luda hatten wir heute keinen Kontakt. Einmal mehr scheint es Verbindungsprobleme zu geben: gestern gesendete Nachrichten konnten noch nicht einmal zugestellt werden.

18. Juni 2022 - 21:45

Den Hitzetag hier in der Schweiz haben wir mit unterschiedlichen Programmen genossen. Wenn man fast 24 Stunden beisammen ist, ist wichtig, sich ab und zu auch wieder mal etwas Distanz zu gönnen.

Serhii und Ihor haben gestern und heute einiges erzählt, wie es ausserhalb der Stadt Cherson läuft. Auch dort ist die Lage keineswegs ruhig. Die Feriensiedlungen am Meer sind immer noch von russischen Soldaten besetzt. Teilweise erfolgen offenbar auch Angriffe seitens der Ukraine, um die Gebiete wieder zurückzugewinnen. Die Dörfer sind grösstenteils wie ausgestorben - jetzt wo eigentlich die Sommersaison beginnen würde... Die Preise steigen, Löhne werden teils noch in ukrainischen Grivnas, teils in russischen Rubeln ausbezahlt. Wie viel die ausbezahlten Summen wert sind weiss niemand so genau. Sehr schwierig und belastend für die Menschen, die noch dort leben. Immerhin hatte Ihor Kontakt mit seiner Mutter. Auch Geld kann nach wie vor überwiesen werden, um die grösste Not zu mildern.

17. Juni 2022 - 23:15

Als ganzes MyPAR-Team haben wir uns heute einen halben Tag Zeit genommen, uns mit den Rahmenbedingungen, die sich in den letzten drei Monaten krass geändert haben, auseinanderzusetzen. Die grösste Herausforderung bleibt die Finanzierbarkeit - Schweizer Löhne sind nun mal deutlich höher als Ukrainische... Wir sehen aber auch ganz viele Chancen, die sich dank der Nähe bieten. Roma war online mit dabei. Zu unserem grossen Erstaunen hat er beiläufig gesagt, er hätte alles Geld von seinen Bankkonten abgehoben und in US Dollar umgetauscht - falls er sich dann doch irgendwann auf die Flucht mache. Für uns ein Indiz wie desolat die Lage ist, wenn sich sogar Roma, unser Daueroptimist, solche Überlegungen macht.

Erneut haben wir von unserem Spendenkonto einen Betrag in die Ukraine überwiesen. Nebst Medikamenten werden wir dieses Mal vermehrt auch Barbeträge an Bedürftige abgeben.

16. Juni 2022 - 22:45

Die Deutschkurse von Sascha, Lena und Yaroslav neigt sich langsam dem Ende zu. Heute hat Yaroslav den Abschlusstest auf Stufe A1 ohne Probleme bestanden. Ein offizielles Zertifikat gibt es noch nicht, aber immerhin weiss er nun, wo er steht und wo er anknüpfen kann. Ganz ehrlich: nach 1.5 Monaten Russischunterricht war ich damals noch nicht einmal so weit, dass ich die Wörter voneinander unterscheiden konnte. Geschweige denn "Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen." (Definition des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen). Chapeau, Yaroslav!

Leider gibt es im Juli ferienbedingt einen Unterbruch. Wir überlegen uns, wie wir die Lücke überbrücken können, z.B. mit organisierten Konversationen zu bestimmten Zeiten und Themen oder was auch immer...

15. Juni 2022 - 22:30

Heute war es einmal mehr schwierig, an gesicherte Informationen aus Cherson zu kommen. Die Verbindungen lassen sehr zu wünschen übrig. Immerhin sei es wieder etwas kühler geworden. Im Sommer liegen die Temperaturen oft um die 30 Grad. Im Gegensatz zur Schweiz sind die Gebäude jedoch viel schlechter isoliert, sodass man auch drinnen kaum Abkühlung findet. Umso schlimmer, wenn man die Zeit grösstenteils zu Hause verbringen muss - tagsüber, weil's nach wie vor keine Arbeit gibt, abends weil's zu gefährlich ist und aufgrund der Ausgangssperren.

14. Juni 2022 - 23:00

Die letzten Tage war ich in regem Mailwechsel mit Asyl Berner Oberland, die für die ukrainischen Flüchtlinge in der Region zuständige Organisation. Es ging um die Überweisung des Unterstützungsbeitrags an Sascha, Lena, Yaroslav und Halyna. Im Land der Banken sollte es eigentlich kein so grosses Unterfangen sein, eine Bankverbindung zu hinterlegen und darauf Geld zu überweisen. Dachten wir... Immerhin haben nun Sascha, Lena und Yaroslav ihre Beiträge für Mai und Juni endlich erhalten, für Halyna sollte es diese Woche auch noch klappen.

Bei allem Verständnis - hier wird die Geduld der Gastgeberfamilien (und natürlich auch der Flüchtlinge) grad ein wenig arg auf die Probe gestellt.

13. Juni 2022 - 22:45

Vor fast einem Monat haben wir zum letzten Mal Geld überwiesen für die Soforthilfe in Cherson. Dieses Mal hat sich der Einsatz als schwieriger erwiesen: die Geldüberweisung hat zwar wiederum rasch funktioniert, die Beschaffung der benötigten Medikamente ebenfalls, der Transport nach Cherson war hingegen sehr herausfordernd. Letztlich hat aber nun doch alles funktioniert und es konnten wieder einige Menschen versorgt werden. Auch wenn es schwieriger geworden ist, lassen wir uns nicht entmutigen und werden weiterhin alles daran setzen, den Menschen vor Ort zu helfen.

12. Juni 2022 - 22:15

Dieses Wochenende haben wir nach längerem wieder mal etwas von Tanjas Freundin Sveta, die mit einer ihrer beiden Töchtern und zwei Enkelkindern nach Moldau geflohen ist, gehört. Sie haben sich gut in Chisinau, der Hauptstadt der Moldau, eingelebt und stellen sich darauf ein, dass sie länger dort bleiben werden. Der Mann der Tochter ist Matrose und war bei Kriegsbeginn ausserhalb der Ukraine unterwegs. Sein Einsatz geht erst jetzt zu Ende. Er wird natürlich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Ukraine zurückkehren, sondern zu seiner Familie nach Chisinau reisen. Die zweite Tochter ist auch aus Cherson geflohen, aber in der Ukraine geblieben. Warum sie nicht alle gemeinsam nach Chisinau gereist sind, wissen wir nicht. Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie schwierig es für ganz viele Familien war und immer noch ist, eine für alle stimmige Lösung zu finden.

11. Juni 2022 - 23:00

Während wir hier mit diversen Aktivitäten das schöne Sommerwetter geniessen, erreichen uns aus Cherson fast nur triste Nachrichten. Aktuell geht es Tanjas Freundin Luda sehr schlecht. Ihr Vater hat kaum mehr Lebensenergie, was seiner eh angeschlagenen Gesundheit natürlich nicht zuträglich ist. Jetzt, wo es sein Gesundheitszustand nicht mehr zulässt, bereut er, dass er vorher nicht zugestimmt hat, wegzugehen. Luda und ihr Mann sind vor allem wegen ihm geblieben. Solche Schicksale gibt es zuhauf. Wir haben oft gehört, dass sich die älteren Leute gar nicht bewusst waren, dass sie mit ihrer manchmal schon fast sturen Haltung, um jeden Preis zu bleiben, nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Umfeld keinen Dienst erweisen. Auch wenn es immer weniger Fluchtmöglichkeiten gibt, behalten wir die Option offen, dass Luda mit ihrem Mann und im besten Fall sogar mit ihrem Vater doch noch in ein sichereres Gebiet mit besserer medizinischer Versorgung ausreisen kann.

10. Juni 2022 - 23:15

Mit dem MyPAR-Team hatten wir heute ein längeres Meeting, an dem wir einige Anpassungen vorgenommen haben, die sich aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen aufgedrängt haben. So haben wir das Arbeitspensum vorerst auf 50% reduziert. Nebst dem Kursbesuch noch 100% zu arbeiten geht einfach nicht auf. Gleichzeitig ist es für uns als Firma wirtschaftlich auf Dauer auch nicht möglich, die Kurszeit einfach als Arbeitszeit anzurechnen. Einige Aufgaben müssen in nächster Zeit halt etwas zurückstehen, die Kundenaufträge haben natürlich höchste Priorität und sollen nicht darunter leiden. Und sollte das Modell nicht funktionieren, dann passen wir uns halt wieder an. Wenn wir etwas gelernt haben in den letzten Wochen, dann ist es, flexibel zu bleiben und sich laufend den aktuellen Gegebenheiten anzupassen...

9. Juni 2022 - 22:45

Ihor hat seinen ersten Arbeitstag hinter sich - ein erster Anfang! Wir werden sehen, was sich daraus ergibt. Ein Schritt nach dem andern...

Die schlechten Verbindungen innerhalb von Cherson und nach aussen bleiben ein grosses Thema. Das Bedürfnis, in regelmässigem Austausch zu stehen, zu wissen wem es wie geht, ist verständlicherweise riesig. Zumal die Kommunikation über die digitalen Kanäle in den letzten zehn Jahren vor allem für die Menschen in den Städten und Agglomerationen ebenso selbstverständlich war wie es hier für uns ist.

8. Juni 2022 - 23:15

Lena, Sascha, Yaroslav und Halyna haben heute die Status S Ausweise im Kreditkartenformat erhalten. Sie sehen ähnlich aus wie unsere Identitätskarten. Damit ist der Registrierungsprozess für sie nun abgeschlossen.

Vika konnten wir für einen Deutsch-Intensivkurs anmelden. Aufgrund der Sommerpause leider erst ab Mitte August. Und Ihor kann morgen in einem Geschäft ganz in der Nähe mit einer Teilzeitarbeit beginnen.

Während sich hier in der Schweiz eines nach dem andern fügt und ergibt, bleibt die Lage in Cherson desolat. Heute wurde bspw. ein Restaurant in Brand gesteckt, weil dort russischfreundliche Gäste vermutet wurden. Zusätzlich zum eigentlichen Kriegsgeschehen herrschen anarchische Zustände.

7. Juni 2022 - 22:30

Heute waren wir wieder einmal etwas angespannt: Vika hatte ihren Registrierungstermin im Bundesasylzentrum. Nach wie vor nimmt der Kanton Bern aufgrund der Kontingente nur sehr beschränkt Flüchtlinge auf. Umso grösser war die Erleichterung, dass am Ende dann alles problemlos funktioniert hat. Für uns ist damit ein wichtiger Meilenstein erreicht: alle, die hierher geflüchtet sind und uns nahestehen, haben den Aufenthaltsstatus erhalten und sind herzlich bei ihren Gastfamilien aufgenommen worden.

Unser ganzes Umfeld trägt unendlich viel dazu bei, dass sich alles so gut fügt. Dafür sind wir extrem dankbar.

6. Juni 2022 - 22:00

Über die Verteilung der gestern in Cherson eingetroffenen Medikamente haben wir noch keine neuen Informationen. Alles, was vorher selbstverständlich über die digitalen Kanäle lief, ist komplizierter geworden. Einerseits durch die fehlende Internetverbindung, andererseits, weil viele Leute ihre Telefone vorsichtshalber komplett löschen, bevor sie nach draussen gehen. Es ist zur Normalität geworden, dass man an den russischen Checkpoints innerhalb der Stadt sein Handy zeigen muss und genau geprüft wird, was drauf ist. Im Wissen, dass in Russland mit wenigen Ausnahme die meisten westlichen sozialen Netzwerke schon längst verboten oder zensuriert sind, will man da natürlich nichts riskieren. Auch in den chaotischsten Zeiten der letzten dreissig Jahre wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich irgendwas von meinem Handy hätte löschen müssen in der Ukraine.

5. Juni 2022 - 22:45

Lena hatte heute mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen in Cherson Kontakt. Das Bild ist überall in etwa dasselbe: in allen Bereichen und mit allen Mitteln wird die "Russifizierung" von Cherson vorangetrieben. Wer nicht spurt, ist den Job los, hat keine Internetverbindung, kauft teurer ein und so weiter und so fort. Sämtliche ukrainischen Radio- und Fernsehkanäle sind in den besetzten Gebieten nicht mehr auf Sendung. Die russischen Kanäle verbreiten dieselbe Propaganda wie in Russland, einfach heruntergebrochen auf lokale Ebene. So heisst es zum Beispiel, dass Cherson von den ukrainischen Behörden längst abgeschrieben worden sei und deshalb jetzt auch im Stich gelassen werde.

Es ist unvorstellbar, was das mit der Bevölkerung macht. Wir können uns nur ganz ansatzweise ausdenken, wie wir reagieren würden, wenn unser Lebensmittelpunkt ohne eigenes Zutun plötzlich derart umgekrempelt würde. Sowohl für die Menschen, die vor Ort geblieben sind, wie auch für die Geflüchteten ist die Situation extrem belastend.

Immerhin eine gute Nachricht hat uns erreicht: ein Teil der in Kiev bestellten Medikamente ist in Cherson eingetroffen!

4. Juni 2022 - 23:30

Heute ist für Lena, Sascha und Yaroslav der hoffentlich vorläufig letzte Brief der Behörden eingetroffen: ihre definitiven Status-S-Ausweise liegen auf der Gemeinde zum Abholen bereit!

Aus Cherson haben wir nicht viele Neuigkeiten. Nach wie vor ist die Region weitgehend vom Rest der Ukraine abgeschnitten. Detonationen gehören zum Alltag, Mobilfunkverbindungen sind immer noch rar.

3. Juni 2022 - 23:15

Langsam, aber sicher haben wir wieder etwas mehr Verbindungen zu den Leuten in Cherson, so auch zu Tanjas Freundin Luda. Die ukrainischen Mobilfunkanbieter sind nach wie vor ausser Betrieb. Die Leute wissen sich jedoch zu helfen und suchen öffentliche WLANs auf, um immerhin kurze Nachrichten über ihr Verbleiben zu verschicken. Überall werden russische SIM-Karten verkauft. Beim Kauf wird der Pass fotografiert - das Misstrauen, was mit diesen Daten geschieht, ist natürlich gross...

2. Juni 2022 - 22:45

Heute hat Lenas Mutter Luba unsere Küche in Beschlag genommen und einen halben Tiefkühler ukrainischer Vareniki gemacht (Rezept siehe Julia's Kochbuch, Seiten 12-15). In der Ukraine werden bis heute oft viel grössere Mengen gekocht. Das reicht dann für mehrere Mahlzeiten und muss nur noch aufgewärmt werden. Im Alltag pflegen viele ukrainische Familien keine Esskultur wie wir sie hier kennen mit gemeinsamen Mahlzeiten. Man verpflegt sich, wenn man Hunger hat und nicht dann, wenn das letzte Familienmitglied endlich eingetrudelt ist... Da bieten sich die vorgefertigten Mahlzeiten natürlich an.

1. Juni 2022 - 21:45

Roman, der in Cherson gebliebene MyPAR-Mitarbeiter, hat sich heute Abend nach zwei Tagen endlich wieder gemeldet. Sämtliche Internet-Verbindungen wurden gekappt und offenbar auf russische Netze umgeleitet.

Von Tanjas Freundin Luda hören wir ebenfalls seit längerem nichts mehr. Ihr letzter Online-Status ist vom Sonntag. Höchstwahrscheinlich hat das auch mit den Telekomnetzen zu tun - trotzdem ein mulmiges Gefühl heutzutage, so lange kein Lebenszeichen zu erhalten.

31. Mai 2022 - 23:45

Den heutigen Abend haben wir in zwei Teilen verbracht: im ersten Teil hatten wir eine sehr interessante und bereichernde Begegnung mit einem älteren Herrn aus Charkow und einer Dame aus Kiew. Zwei weitere beeindruckende Fluchtgeschichten. Den zweiten Teil verbrachten wir mit SwissPass-Registrierungen und Abo-Käufen. Ab morgen gelten für die ukrainischen Flüchtlinge die regulären Tarife im öV.

In Cherson ein weiterer Russifizierungsschritt: die ukrainischen Mobilanbieter wurden ausgeschaltet, dafür SIM-Karten mit russischen Nummern verteilt. Sascha konnte seinen Kollegen nur noch via neuer russischer Nummer erreichen.

30. Mai 2022 - 23:45

Heute war wieder einmal etwas Schweizer Bürokratie angesagt: einerseits galt es zu klären, wie es ab dem 1. Juni mit den öV-Kosten weitergeht. Seit Kriegsbeginn durften alle ukrainischen Flüchtlinge den öV in der Schweiz kostenlos nutzen. Nun werden nur noch zweckgebundene Fahrten (z.B. für Kursbesuche, Behördengänge o.ä.) bezahlt. Es konnte uns jedoch bisher niemand sagen, wie viel z.B. an ein Verbund- oder Streckenabo bezahlt wird. Bei wöchentlich vier Kursbesuchen in Interlaken resp. Bern lohnen sich Einzelbillette definitiv nicht... Es ist auch nicht ganz ersichtlich, wie die Liquiditätsplanung für ukrainische Flüchtlinge aussehen soll: sie müssen alle Kosten vorfinanzieren, die Rückerstattung folgt frühestens ein Monat später...

Morgen findet zudem der letzte (?) Registrierungstermin für Lena, Sascha, Yaroslav und Halyna statt, an dem nochmal Fingerabdrücke entnommen werden und fotografiert wird. Daraus entsteht dann der offizielle Status-S-Ausweis. Aus unerfindlichen Gründen sind drei der vier Termine gleich aufeinanderfolgend. Der vierte Termin für Halyna ist jedoch erst eine Woche später. Da der aufgedruckte QR-Code für die Verschiebung nicht funktionierte, versuchten wir es telefonisch: Fünf Mal wurden wir höflich durch alle Behördenebenen weiter empfohlen, um am Ende wieder bei der ersten Stelle zu landen! Auf die Bemerkung, dass wir jetzt gerade wieder die ursprüngliche Telefonnummer erhalten hätten, meinte die nette Dame: "Ach wissen Sie, gehen Sie einfach alle zusammen und sagen Sie, es sei mit mir abgesprochen - ich bin die stellvertretende Leiterin.". Na also - geht doch...

29. Mai 2022 - 22:45

Der Kontrast zwischen uns hier in der Schweiz und den Menschen in Cherson war dieses Wochenende wieder mal besonders krass: wir haben ein schönes verlängertes Wochenende mit einigen Ausflügen verbracht, für Vika haben wir eine Gastfamilie ganz in unserer Nähe gefunden und die Abläufe in unserer "Grossfamilie" spielen sich immer besser ein.

In Cherson wird hingegen die "Russifizierung" konsequent und kompromisslos vorangetrieben: Sämtliche Schulen wurden informiert, dass ab dem neuen Schuljahr nach russischem Lehrplan unterrichtet werden muss - wer nicht mitmacht, wird entlassen. Firmen werden kontaktiert mit entsprechenden Anweisungen, wie und mit wem sie zu geschäften haben. Wir wissen von einem Besitzer einer Feriensiedlung, der mit Nachdruck aufgefordert wurde, seine Appartments nur noch gegen Rubel zu vermieten. Auf seine Antwort, diesen Sommer kämen eh keine Gäste, hiess es, dafür werde schon gesorgt: offenbar werden in Russland bereits Ferienreisen in der Region Cherson angeboten (zu Spottpreisen oder sogar offeriert "für besondere Verdienste").

Da fehlen einem die Worte.

28. Mai 2022 - 23:15

Die vor einer Woche in Kiev bestellten Medikamente sind leider immer noch nicht in Cherson eingetroffen. Sowohl der Personen- wie der Warenverkehr zwischen dem Gebiet Cherson und dem Rest der Ukraine sind die letzten Tage komplett unterbrochen. Die russische Seite begründet dies damit, dass der Transit wegen der ukrainischen Angriffe zu gefährlich sei. Fakt ist wohl eher, dass das Gebiet immer mehr via die Krim an Russland angebunden werden soll.

27. Mai 2022 - 23:45

Das Abschlusszeugnis von Yaroslav ist ein weiteres "Mini-Projekt", das uns beschäftigt. Schon recht bald nach Kriegsbeginn hat die Ukraine verlauten lassen, dass Schulabgänger nicht benachteiligt werden sollen und auch ohne Abschlussprüfungen einen Nachweis erhalten, dass sie die Schule abgeschlossen haben. Also ähnlich, wie es bei uns im ersten Jahr der Pandemie in den Mittelschulen gehandhabt wurde. Im Fall von Yaroslav ist nun die eine Herausforderung, dass er aus Cherson, einem der russisch besetzten Gebiete, kommt. Die zweite Herausforderung ist, dass er sich nicht vor Ort in der Ukraine befindet. Damit jemand anderes sein Zertifikat entgegennehmen kann, muss es eine notariell beglaubigte Vollmacht geben. Diese in der richtigen Form mit den korrekten Unterschriften hier auszustellen und in die Ukraine zu bringen ist nicht ganz einfach...

26. Mai 2022 - 22:15

Diese Woche hat uns unter anderem beschäftigt, ob und wie wir die Löhne unserer ukrainischen Mitarbeitenden auszahlen können. Bis vorgestern war unklar, in welcher Form die Ukraine das Ende Februar für drei Monate verhängte Kriegsrecht verlängert. Davon abhängig ist der Modus, wie Einkommen deklariert und Steuern bezahlt werden. Schon in normalen Zeiten war das System für uns nicht immer durchschaubar, und jetzt ist es erst recht schwierig geworden.

25. Mai 2022 - 22:15

Die erste (kurze) Arbeitswoche mit unseren neuen MyPAR-Arbeitsplätzen geht zu Ende. Die drei ukrainischen Mitarbeitenden und unsere Mitarbeiterin aus der Schweiz teilen sich die drei Plätze. Das geht gut auf, da aktuell jeweils der halbe Tag mit Deutschkursen besetzt ist. Das Ganze muss sich noch etwas einspielen - plötzlich sind die Konstellationen und Zeiten bei den Mahlzeiten ganz anders. Nun freuen wir uns auf ein paar ruhigere Tage mit ein paar kleineren Ausflügen.

24. Mai 2022 - 22:15

Tanjas Freundin Luda war heute in der Stadt unterwegs. Es sei sehr trist, habe kaum Leute auf der Strasse, die meisten Geschäfte hätten geschlossen. Ein Video, das wir am Abend erhalten haben, bestätigt Ludas Aussage: das Stadtzentrum wirkt wie ausgestorben, nur ein Bruchteil der Leute, die sich sonst dort aufhalten, sind zu sehen. Wo sonst Bus um Bus vorbei fährt ist die Strasse fast verkehrsfrei. Cafés, Läden, Banken - alles zu.

23. Mai 2022 - 23:00

Heute hat sich hier einiges getan: Serhii und Igor besuchten zum ersten Mal den Deutschkurs. Lena, Vika und Serhii haben die neuen Büroräumlichkeiten "beschnuppert" und bereits ein paar Stunden dort gearbeitet. Am Abend haben wir mit Yaroslav über die verschiedenen Bildungswege gesprochen, die es in der Schweiz gibt. Nach rund einem Monat hat er nun einen Einblick, wie es an einem Gymer zu und her geht. Als nächstes möchte er sich auch noch einen Einblick in die Berufsausbildung als Informatiker verschaffen.

Am heutigen MyPAR-Weekly war sogar Roma über die aktuelle Situation rund um Cherson beunruhigt. Bisher war er immer erstaunlich positiv und zuversichtlich. Die Gegend versinkt zunehmend im Chaos.

22. Mai 2022 - 22:45

Das kürzlich für Medikamente überwiesene Geld hat Lena wiederum rasch auf ihr ukrainisches Bankkonto überwiesen erhalten. Die benötigten Medikamente sind in Kiev bestellt, bisher aber noch nicht in Cherson eingetroffen. Nach Cherson gebracht werden sie von Fahrern, die in die eine Richtung Menschen und in die andere Richtung Waren mitführen. Bisher haben diese Transporte immer gut funktioniert, ein Restrisiko bleibt natürlich - eine andere Möglichkeit, an Medikamente zu kommen gibt es zurzeit nicht.

21. Mai 2022 - 22:30

Aus der Gegend von Cherson erreicht uns wenig Konkretes. Die Ungewissheit ist nach wie vor gross. Schon ein paar Mal hatten wir hier von der Preisentwicklung geschrieben, die nur eine Richtung kenne: nach oben. Nun haben wir gehört, dass ausgerechnet die Preise für Benzin gesunken seien - tiefer als vor Kriegsbeginn. Das ist interessanterweise nur in Cherson (und möglicherweise anderen belagerten Gebieten) der Fall. Im Rest der Ukraine haben die Preise für Treibstoff westliches Niveau erreicht. Das tönt sehr nach einer von Russland subventionierten Aktion - bestimmt auch mit dem Ziel, die Leute Russland gegenüber wohlwollender zu stimmen.

20. Mai 2022 - 22:15

Heute hatten wir einen kurzen Kontakt mit Luda, Tanjas Freundin. Ihrem Vater scheint es ein wenig besser zu gehen. Nach wie vor ist aber nicht ausgeschlossen, dass er sich einer Operation unterziehen muss. Vor dem Krieg war die medizinische Versorgung zwar gewährleistet, aber weit entfernt von westlichen Standards. Das meiste, was nicht überlebensnotwendig war, musste selber organisiert und bezahlt werden. Für teure Behandlungen mussten sich Viele verschulden oder konnten sich Operationen, Medikamente und Therapien gar nicht leisten. Seit Beginn des Krieges hat sich natürlich auch die medizinische Versorgung dramatisch verschlechtert.

19. Mai 2022 - 23:00

Aus Cherson haben wir von keinen Veränderungen gehört. Den Medien ist zu entnehmen, dass es nach wie vor heftige Kämpfe gibt an der Grenze zu den besetzten Gebieten.

Wir sind im Moment noch grad unterwegs: Vika, unsere MyPAR-Mitarbeiterin, trifft heute aus Krakau ein. Sie ist gemeinsam mit unserer Familie und ihrem Bruder aus Cherson geflüchtet, blieb aber zunächst in Polen. Ihr Bruder wird dort bleiben, sie sieht bessere Perspektiven hier in der Schweiz. Übers Wochenende bleibt sie bei Alena, unserer MyPAR-Mitgründerin, danach schauen wir für eine Unterbringung möglichst in der Nähe. Auch Vika werden wir natürlich bei den Formalitäten und Behördengängen unterstützen. Man kennt uns mittlerweile schon und wir wissen, welches Formular wo benötigt wird...

18. Mai 2022 - 23:00

Von hier gibt es sehr gute Neuigkeiten: Serhii und Igor können ab nächster Woche einen Deutschkurs besuchen - wie bereits Sascha, Lena und Yaroslav an vier Tagen die Woche je vier Lektionen. Einmal mehr erfreulich, wie unbürokratisch das funktioniert hat.

Sascha hat mit verschiedenen Freunden und Bekannten aus Cherson gesprochen. Der Frust scheint immer grösser zu werden. Die fehlende Arbeit, immer mehr Leute aus dem eigenen Umfeld, die die Stadt oder sogar die Ukraine verlassen haben, keine ersichtlichen Verbesserungen der Situation. Dazu kommt die nach wie vor latente Gefahr der ständigen Bombardements in der Umgebung.

17. Mai 2022 - 22:45

Heute ist ein denkwürdiger Tag für MyPAR: schon vor einiger Zeit hatten wir uns entschieden, die Büroräumlichkeiten in Cherson aufzugeben. Das Risiko, dass die Infrastruktur konfisziert oder gestohlen oder gar das Gebäude im Stadtzentrum beschädigt wird, ist uns zu hoch. Es dauerte nun ein paar Wochen, bis wir einen Transport organisieren und einen sichereren Ort für die Möbel, Bildschirme usw. finden konnten. Heute nun war die Schlüsselübergabe.

Aber es geht nahtlos weiter: ab Donnerstag können wir in Thun drei Arbeitsplätze beziehen!

16. Mai 2022 - 22:30

In Cherson bleibt die Lage verfahren. Rund um die Stadt sind immer noch ständige Detonationen zu hören. Es gibt offenbar auf keiner der beiden Seite nennenswerte Fortschritte. Wie stark verankert die russische Kontrolle von Cherson ist, können wir nicht abschätzen. Von der per 1. Mai angekündigten Einführung des russischen Rubels ist jedenfalls noch nichts zu sehen. Gleichzeitig werden viele Güter des täglichen Bedarfs jetzt von der Krim her eingeführt und oft direkt aus den Autos heraus verkauft. Das erinnert stark an die 90er Jahre, wo solche Händel "über die Gasse" weit verbreitet waren.

15. Mai 2022 - 21:30

Hier haben wir ein schönes Wochenende verbracht. Zum ersten Mal nach drei Jahren haben sich Lena, Sasha, Dasha und Yaroslav endlich wieder gesehen. Überflüssig zu sagen, dass die gemeinsame Zeit wie im Flug verging.

Am Abend haben wir mit Luda telefoniert. Abgesehen davon, dass sie sich in die chaotischen und beinahe anarchischen Zustände Anfang der 90er-Jahre zurückversetzt fühlt, leidet sie stark unter dem Nichtstun. Luda ist eine der einzigen unserer Bekannten aus Cherson, die seit vielen Jahren eine ihrer Ausbildung entsprechende Stelle in einer leitenden Position bei der städtischen Verwaltung, innehatte. Für sie ist die Situation in mehrerer Hinsicht belastend: einerseits fehlt ihr die Arbeit und damit die Tagesstruktur, andererseits sind die Perspektiven sehr düster, dass eine vergleichbare Anstellung je wieder möglich wird. Dazu kommt, dass eine Flucht aus Cherson im Moment auch ausser Reichweite ist. Das wäre erst möglich, wenn auch ihr kranker Vater reisefähig ist (und bereit wäre, mitzugehen).

14. Mai 2022 - 22:30

Die Zeit im Zug bei unserem heutigen Ausflug haben wir genutzt, die Seite zur Verwendung der Spendengelder nachzuführen. Dafür hat in den letzten drei Wochen die Zeit gefehlt. Die Unterstützung der Menschen in Cherson geht auch nach der Flucht von Lena in die Schweiz nahtlos weiter. Vieles ist teurer geworden, Löhne und Renten werden nicht immer ausbezahlt, Medikamente sind rar. Hilfe ist nach wie vor für viele der dort Gebliebenen immens wichtig.

14. Mai 2022 - 11:30

Energie tanken, Batterien aufladen ist das heutige Hauptziel. Wir haben uns gesagt, dass das bei so vielen Leuten im gleichen Haushalt am besten mit einem gemeinsamen Ausflug klappt. So sind wir unterwegs Richtung Lausanne, wo uns Julia kulinarisch verwöhnen wird. Danach wohl ein Spaziergang entlang der "Riviera" nach Ouchy und gegen Abend wieder zurück.

Es wirkt immer noch surreal, wenn wir hier Ausflüge machen und diese auch geniessen, während viele unserer Freunde und Bekannte ihren Alltag nach wie vor unter prekären Umständen bestreiten müssen.

13. Mai 2022 - 23:15

Heute Abend sind Lena und Saschas Tochter Dasha und ihr Freund von Prag her kommend in Basel gelandet und jetzt unterwegs nach Heimberg. Sie kommen - EasyJet sei Dank - für's Wochenende in die Schweiz. Dasha lebt seit fünf Jahren in Tschechien und steht kurz vor dem Abschluss ihres Master-Studiums. Seit drei Jahren hat sich die Familie aufgrund der Reisebeschränkungen während der Pandemie nicht mehr "live" gesehen! Wir rücken für ein paar Tage also nochmal ein wenig enger zusammen - kein Problem bei dem vorsommerlichen Wetter.

In Cherson scheint sich kaum etwas zu bewegen. Tagtäglich sind Detonationen zu hören von den Gefechten rund um die Stadt. Die Versorgung mit dem Nötigsten ist zwar einigermassen sichergestellt. Vom pulsierenden Leben vor dem 24. Februar ist aber kaum etwas übrig geblieben. Wir hören, dass rund 40% der Einwohner von Cherson die Stadt verlassen hätten. Ob diese Schätzung stimmt können wir nicht beurteilen.

13. Mai 2022 - 13:15

Heute Vormittag sind wir wieder einen grossen Schritt voran gekommen: Serhii und Igor sind registriert und wurden dem Kanton Bern zugewiesen! Letzteres war aufgrund der kantonalen Kontingente unsicher. Mit unserer Prognose, dass sich die Kontingente innert 1-2 Wochen ausgleichen, lagen wir ziemlich daneben: noch immer sind dem Kanton Bern rund 700 Personen zu viel zugewiesen. Umso erfreulicher zu sehen, dass pragmatische Lösungen mit gesundem Menschenverstand gewählt werden.

12. Mai 2022 - 23:30

Nun ist auch Lenas Mutter mit einer Schweizer SIM-Karte ausgestattet und kann endlich wieder auch ausserhalb des WLAN-Netzes mit ihren Leuten kommunizieren. Ich wage die Behauptung, dass die beiden Omas fast dasselbe Datenvolumen verbrauchen wie unsere Jungen... Der Austausch über die digitalen Kanäle, vor allem über Viber (das in der Ukraine und Weissrussland verbreitete Pendant zu WhatsApp), ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden. Das hat einerseits mit den grösseren Distanzen zu tun - schnell zum Kaffee treffen geht oft nicht. Aber auch mit der Neugierde und Offenheit der Ukrainer, etwas Neues auszuprobieren. Gleichzeitig erfolgte auch die Registrierung bei Asyl Berner Oberland, die im Auftrag der Gemeinde Heimberg, die Betreuung der Ukrainischen Flüchtlinge wahrnimmt.

12. Mai 2022 - 15:45

Wir werden ab und zu gefragt, wie es uns nach einem Monat "Haushaltsverdopplung" geht. Die kurze Antwort lautet: gut! Die etwas längere Antwort ist: anstrengend, aber gut! Und noch etwas ausführlicher: es ist nicht ganz so einfach, bewusst einen Alltag zu leben, also Ämtli zu verteilen, klären, wer wann wie hungrig nach Hause kommt, wer welches Programm hat usw. usf. Aber die Dankbarkeit, dass hier alle in Sicherheit sind und für die grosse Offenheit der Leute hier in der Schweiz, überwiegt bei weitem.

Serhii und Igor haben gestern mit ihren Eltern telefoniert. Wie wir es auch schon von Leuten aus unserem näheren Umfeld gehört haben, versuchen auch sie, einen einigermassen normalen Alltag zu leben. Das heisst konkret, den Gemüsegarten zu pflegen und so gut es geht der täglichen Arbeit nachzugehen. In den Dörfern gelingt das vermutlich sogar noch etwas besser als in der Stadt.

11. Mai 2022 - 23:30

Auch wenn unsere Leute nun schon einige Zeit hier sind gibt es nach wie vor einiges zu planen und zu organisieren. Das absorbiert immer noch recht viel Zeit. Es wird einem plötzlich wieder bewusst, wie viele selbstverständliche Alltagsautomatismen es gibt: eine öV-Verbindung suchen, einen Elektro-Kochherd (mit Touch-Panel) bedienen (in der Ukraine wird fast ausschliesslich mit Gas gekocht), parkieren in einer blauen Zone mit Parkkarte usw. usf.

Die Tage vergehen wie im Fluge... Heute durften wir zwei Fahrräder (vielen Dank!) entgegen nehmen. Für eine Testfahrt hat's noch nicht gereicht.

11. Mai 2022 - 14:15

Es ist schwierig sich ein exaktes Bild der Lage vor Ort in Cherson zu machen - geschweige denn eine Prognose, wie es weiter geht und in 6 oder 12 Monaten aussieht. Einige rechnen damit, dass die Ukraine im Süden die Gebiete westlich des Flusses Dnjepr inkl. die Stadt Cherson halten bzw. zurückerobert kann. Das würde heissen, dass der Bezirk Cherson aus einem ukrainischen und einem russisch kontrollierten Teil bestünde. Roma und die Eltern von Serhii und Igor gehörten bei diesem Szenario zu den besetzten Gebieten, da sie etwas östlich ausserhalb der Stadt leben. Wie sich dadurch ihr Alltag verändern würde und was es für Arbeit und Auskommen bedeuten würde kann kaum vorausgesagt werden.

10. Mai 2022 - 23:15

Aus Cherson hören wir, dass die Geschäfte nach wie vor weitgehend leer oder ganz geschlossen sind. Ge- und verkauft wird auf den Märkten der Stadt. Während in den ersten Kriegswochen die Strassen beinahe leer waren und sich die Leute nur für die nötigsten Besorgungen aus dem Haus wagten, herrscht nun wieder reger Betrieb - das Leben muss irgendwie weitergehen... Die Einführung des Rubels scheint sich zu verzögern, bisher wird immer noch in Grivnas bezahlt. Kaum mehr möglich ist die Bezahlung mit Kreditkarte. Da hat sich aber auch schon wieder ein neues Geschäftsmodell gebildet: die Bargeldwechsler. Das heisst, man kriegt Bargeld und überweist dafür das Geld vom eigenen auf das Konto des Wechslers. Selbstverständlich mit einer Kommission (ca. 5%). Aber immerhin kommt man an Bares...

10. Mai 2022 - 13.30

Heute hat Luda erzählt, dass der gestrige 9. Mai einer der traurigsten Feiertage in ihrem Leben gewesen sei. Der Frust und die Konsternation, teilweise wohl auch schon etwas Resignation sind gross.

Vika feiert heute Geburtstag. Eher zufällig haben wir mit ihr gerade heute Vormittag den Termin vereinbart, wann sie in die Schweiz kommt. Sie wird am Donnerstag, 19. Mai, von Polen her in die Schweiz einreisen. Für uns findet damit dann das Kapitel Fluchtgeschichten einen (vorläufigen) Abschluss.

9. Mai 2022 - 22:45

Die Anspannung im Vorfeld des 9. Mai war gross: in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wird dieser "Tag des Sieges" über Nazideutschland nach wie vor gefeiert. In Moskau findet dann jeweils eine grosse Militärparade mit viel Pathos und Patriotismus statt. Erstaunlicherweise fiel die Veranstaltung dieses Jahr eher nüchtern aus. Erwartet resp. befürchtet wurde eher eine weitere Stufe der Eskalation.

In Cherson versuchten die Besatzer ebenfalls so etwas wie eine 9. Mai Demonstration zu organisieren. Auf Videos ist zu sehen, dass das Ganze eher bescheiden ausfiel und wohl grösstenteils "gekaufte" Teilnehmende zu sehen waren. Es ist eine gängige Praxis, dass Demonstrierende für die Teilnahme an Veranstaltungen bezahlt werden. Das ist niemandem zu verübeln: wenn keine Löhne und Renten mehr ausbezahlt werden, ist das bestimmt noch eines der probateren Mittel, um sich sein Brot zu verdienen.

8. Mai 2022 - 22:45

Ein schöner Tag geht zu Ende. Wir konnten das nach wie vor belastende Geschehen für ein paar Momente etwas zur Seite legen und Energie tanken. Serhii und Igor haben es super gut bei ihren Gastgebern. Nach den 20 km auf die Falkenfluh und zurück am letzten Wochenende legten sie dieses Mal 50 km per Fahrrad rund um den Thunersee zurück! Und kochten im Anschluss für die Familie eine ukrainische Borschtsch.

Morgen geht's los mit dem Deutschkurs für Lena und Sascha. Für Serhii und Igor haben wir einen Termin reserviert für nächsten Freitag zur noch ausstehenden Registrierung. Die Kantonskontingente sind zwar nach wie vor nicht ganz ausgeglichen. Bereits vergangene Woche wurde die Zuweisung offenbar schon nicht mehr ganz so streng gehandhabt.

8. Mai 2022 - 13:45

Seit vielen Jahren der erste Muttertag, an dem Tanjas Mutter hier ist! Die Umstände, die dazu geführt haben, sind zwar alles andere als schön. Trotzdem geniessen wir den heutigen Tag im Kreis der Familie.

In Cherson versuchen sich die Menschen irgendwie sinnvoll zu beschäftigen. Luda hat uns ein kurzes Video von ihrem Mann geschickt, wie er im Park gegenüber den Rasen mäht. Es ist so surreal: ein paar Kilometer entfernt wird alles zerbombt, im Kleinen setzen die Menschen alles daran, etwas Normalität aufrecht zu erhalten.

7. Mai 2022 - 21:30

In Hola Prystan, einem Dorf ganz in der Nähe von Romans Wohnort, wurden durch einen russischen Angriff ein Haus vollständig und 25 teilweise zerstört. Keine zwei Tage nachdem Roman sich zuversichtlich zeigte, dass alles ruhig bleibe...

Von Tanjas Freundin Sveta, die mit ihrer Familie nach Chisinau geflüchtet ist, haben wir heute gehört, dass es ihnen allen gut geht und sie sich wohl fühlen. Sie hoffen, dass es in der Moldau ruhig bleibt und sie nicht plötzlich ein zweites Mal fliehen müssen.

7. Mai 2022 - 13:30

Offenbar sind die Internetverbindungen in Cherson wieder etwas instabiler geworden. Bis gestern haben wir davon nichts gemerkt - Roma hat den ganzen Tag gearbeitet. Wir hoffen, dass es so bleibt.

Hier leben wir heute einen fast "normalen" Samstag mit diversen Aktivitäten. Wir müssen uns bewusst auch Ruhephasen gönnen.

6. Mai 2022 - 22:45

Tanja hat länger mit ihrer Freundin Luda gesprochen. Sie hat erzählt, dass ihr Vater erst im dritten Spital behandelt wurde. In den ersten beiden gab es entweder keine Medikamente oder keine Ärzte... Mittlerweile wurde er aus dem Spital entlassen, sein Gesundheitszustand hat sich zwar leicht gebessert, eine Operation kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Alles hängt von der Entwicklung in den nächsten Tagen ab.

Die Schilderungen, wie es in Cherson aktuell zu und her geht, erinnern an die 90er-Jahre. Die Kleinkriminalität habe extrem zugenommen, Supermärkte haben geschlossen, ein Grossteil des Handels wird wieder auf Märkten abgewickelt. Gleichzeitig wird die Stadt wie jedes Jahr zum 9. Mai, dem Tag des Sieges, herausgeputzt. Auch dreissig Jahre nach nach der Sowjetzeit ist das der wichtigste Feiertag sowohl in Russland wie auch in der Ukraine. Traditionsgemäss wird der Tag mit Militärparaden begangen. Es zeichnet sich ab, dass dieses Jahr russische Panzer - wohl vor einem Statisten-Publikum - durch die Strassen von Cherson fahren werden. Für die Bevölkerung von Cherson ist das extrem frustrierend und erniedrigend.

6. Mai 2022 - 15:00

Heute kommt eine gute Nachricht nach der anderen: Yaroslav kann ab nächster Woche im Gymer Thun im IT-Support aushelfen und sich dort ein schönes Taschengeld verdienen. Für Lenas Mutter zeichnet sich eine gute Unterkunftsmöglichkeit bei uns in der Nähe ab und dann haben wir soeben die Bestätigung erhalten, dass Lena und Sascha ab nächster Woche einen Deutschkurs besuchen können. Nicht nur heute, sondern die ganze Zeit spüren wir so viele helfende Hände und offene Herzen ringsum, die uns den Alltag erleichtern und Vieles abnehmen. Vielen, vielen Dank!

6. Mai 2022 - 01:00

Ein später, drum kurzer Eintrag: soeben sind wir aus Basel zurück, wo Lenas Mutter Luba und Schwester Oksana spät am Abend aus Krakau (Polen) angekommen sind. Sie haben die Ukraine vor ca. 2 Wochen verlassen. Oksana hat ein Rückflugticket in zwei Wochen. Sie wird nach Polen und je nach Situation sogar nach Lviv/Lemberg zurückkehren, weil ihr Mann noch dort ist. Im Juni kommt zudem ihr Enkelkind zur Welt.

5. Mai 2022 - 15:00

Roman konnte heute Vormittag tatsächlich endlich wieder einmal einigermassen normal arbeiten. Er hat sich enthusiastisch in die Arbeit gestürzt und Vieles abgearbeitet, was die letzten Wochen liegen geblieben ist. Er ist sehr zuversichtlich, dass sich die Situation in Cherson und generell in der Ukraine bald wieder bessert. Wir hoffen natürlich, dass er recht hat, sind aber etwas unschlüssig, ob da nicht etwas zu viel Optimismus - vielleicht auch einfach zum Selbstschutz - mit dabei ist.

4. Mai 2022 - 22:30

Im Lauf des Nachmittags hat sich Roma nochmal gemeldet. Offenbar ist die Internetverbindung etwas stabiler geworden, sodass er sich morgen auch wieder an die Arbeit machen will. Er sagt, es sei ruhig. Das trifft bestimmt für seine nähere Umgebung zu. Die Informationen, die wir sonst hören aus Cherson, zeichnen ein etwas anderes Bild. Es gibt immer noch Kampfhandlungen in unmittelbarer Nähe, die Versorgungslage ist besorgniserregend und an Zukunftsperspektiven denkt sowieso niemand.

4. Mai 2022 - 13:30

Beim MyPAR-Team ist schon fast wieder eine Art Alltag eingekehrt. Aktuell gibt es gerade recht viel zu tun. Das hilft, die angestrebte Tagesstruktur auch wirklich einzuhalten. Serhii hat jedenfalls heute Mittag gesagt, die Zeit vergehe sehr schnell. Aufgrund der fehlenden Internet-Verbindungen bleibt Roma nach wie vor aussen vor. Genau so geht es ganz Vielen, die noch in Cherson sind: eigentlich könnten sie ihrer Arbeit nach wie vor online nachgehen - ohne Verbindung läuft aber nichts. Werden die Verbindungen auf russische Provider umgeleitet, dann folgt gleich das nächste Problem: in Russland sind schon länger zahlreiche Dienste gesperrt, so zum Beispiel auch das weit verbreitete Business Netzwerk LinkedIn.

3. Mai 2022 - 22:30

Heute hat für Yaroslav der Deutschkurs in Bern begonnen. Er ist in einer kleinen Gruppe mit 5 gleichaltrigen Gspänli. Das tönt schon mal nach einer guten Lernumgebung. Morgen gehts dann los mit den ersten Lektionen am Seefeld-Gymer in Thun.

Die Internetverbindungen in Cherson sind nach wie vor schwach bis inexistent. Per Telefon haben Sascha und Lena diverse Kollegen und Bekannte erreichen können. Unter anderem haben sie sich bei verschiedenen Nachbarn von Galina nach deren Befinden erkundigt. Renten wurden offenbar keine ausbezahlt, die Reserven werden immer knapper. Über eine Nachbarin, die wir seit langem kennen, werden wir versuchen, Spendengeld für die Bedürftigsten aus dem Umfeld von Galina, zu überweisen.

Ob jetzt tatsächlich bereits Rubel im Umlauf sind, wissen wir nicht. Es scheint, dass die Einführung zäher verläuft als es sich die Russen vorgestellt haben. Was nicht darüber hinweg täuschen darf, dass die Ziele der Invasion nach wie vor konsequent und mit zunehmender Brutalität verfolgt werden.

3. Mai 2022 - 09:45

Heute Vormittag gab's endlich wieder ein Lebenszeichen aus Cherson: Roma und Luda, Tanjas Freundin, haben beide geschrieben, dass sie wohlauf sind. Die Verbindung ist nach wie vor äusserst schlecht und nur sporadisch verfügbar. Gemäss Luda hat sich die Situation weiter verschlechtert. Dazu kommt noch, dass sie ihren Vater ins Spital bringen musste. Was ihm genau fehlt, wissen wir nicht. Nicht wirklich beruhigende Neuigkeiten - aber immerhin wieder ein Signal.

2. Mai 2022 - 22:30

Wir haben uns vorgenommen, ab dieser Woche etwas mehr Struktur in den Alltag zu bringen.

Yaroslav wurde heute am Gymnasium Thun willkommen geheissen. Ab morgen besucht er eine Auswahl von Fächern, denen er ohne vertiefte Deutschkenntnisse folgen kann, und einen Intensivdeutschkurs mit täglich vier Lektionen. Damit wird sein Tag gut gefüllt sein.

Für MyPAR haben wir zwei provisorische Arbeitsplätze für Serhii und Lena eingerichtet. Zudem kommt Alena, unsere Schweizer Mitarbeiterin, mehrmals wöchentlich vor Ort. Das gibt schon mal eine minimale Arbeitsstruktur. Als nächsten Schritt prüfen wir, ob wir irgendwo im Raum Bern/Thun wenig benutzte Büro-Arbeitsplätze mitnutzen könnten. Dass wir zurzeit kaum länger als für 2-3 Monate planen können, macht dieses Unterfangen nicht einfacher...

2. Mai 2022 - 14:15

Auch heute immer noch keine Verbindung zu Cherson. Seit Samstag haben Serhii und Igor nichts mehr von ihren Eltern gehört und von Roma haben wir auch keine News. Wir glauben nicht, dass sich ihre Lage jetzt grad dramatisch verschlimmert hat - es ist aber trotzdem ein mulmiges Gefühl, über mehrere Tage kein Lebenszeichen zu erhalten. Ob es sich beim Unterbruch der Telefon- und Internetverbindungen um ein technisches Problem oder eine bewusste Abschaltung handelt ist nach wie vor noch unklar.

1. Mai 2022 - 22:00

Von Freunden hören wir, dass die Verbindungen nach Cherson am Abend teilweise wieder funktionieren. Wir selber hatten noch keinen Kontakt. Obwohl die nächsten Verwandten nun hier sind ist es trotzdem ein mulmiges Gefühl, keine Nachrichten mehr zu erhalten von vielen Freunden und Bekannten.

Serhii und Igor haben heute zusammen mit ihrem Gastgeber die hügelige Schweizer Landschaft kennengelernt. Müde, aber begeistert und beeindruckt sind sie vom Ausflug (alles zu Fuss!) auf die Falkenfluh zurückgekehrt. Vieles kommt ihnen wie ein Film vor und sie brauchen Zeit, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Beide waren bisher nie ausserhalb der Ukraine unterwegs.

Yaroslav hat 2.5 Stunden Squash gespielt. Vom Club in Bern, mit dem er sich in Verbindung gesetzt hatte, hat er ein neues Racket erhalten und darf zu jedem beliebigen Zeitpunkt trainieren gehen. Einmal mehr einfach nur DANKE für die grosszügige und grossartige Unterstützung.

1. Mai 2022 - 13:45

Tüüt - tüüt - tüüt ist immer noch alles, was wir hören, wenn wir versuchen, nach Cherson zu telefonieren. Auch die Internet-Verbindungen sind nach wie vor unterbrochen. Was das jetzt genau zu bedeuten hat und wie es weiter geht ist unklar. Klar scheint, dass es sich nicht um eine Panne handelt. Möglicherweise sollen die Netze zeitgleich mit der für heute angekündigten Einführung des russischen Rubels umkonfiguriert werden auf russische Anbieter.

30. April 2022 - 22:30

In Cherson funktionieren seit heute Nachmittag die Mobilfunkverbindungen nicht mehr. Eigentlich hatte sich Tanja noch mit ihrer Freundin Luda verabredet, mangels Verbindung war ein Austausch mit ihr leider nicht möglich.

Vom Gymnasium Thun haben wir weitere Informationen erhalten, wie Yaroslav nächste Woche starten kann. Das klingt alles sehr gut und wir sind einmal mehr einfach dankbar für die vielen "Extrameilen", die an vielen verschiedenen Stellen von vielen Leuten in diesen Tagen grad gegangen werden.

Die Namen unserer Ukrainischen Gäste haben in den letzten Tagen schon ein paar Mal für fragende Gesichter oder Missverständnisse gesorgt. Drum hier ein paar erklärende Worte: Ähnlich wie bei uns gibt es bei den ukrainischen Namen oft Varianten, die sich manchmal recht stark voneinander unterscheiden. Das Ukrainische Pendant zu Johann, Hans, Housi wäre also beispielsweise Elena, Lena, Lenotschka. Dazu kommt, dass die ukrainische Schreibweise von der russischen mehr oder weniger stark abweicht. Serhii auf Ukrainisch ist z.B. Sergej auf russisch (oder Serjoscha in der Umgangssprache). Wenn's also irgendwie ähnlich tönt, dann ist dieselbe Person gemeint...

30. April 2022 - 13:15

Aus Cherson haben wir heute noch keine neuen Informationen erhalten. Zunehmend hört man jetzt auch in der hiesigen Presse, wie bedeutungsvoll der Süden der Ukraine für die Versorgung mit Getreide, Speiseöl und weiteren Gütern für grosse Teile der Welt, insbesondere für Afrika, ist. Aktuell sind sämtliche Seewege gesperrt. Wir hören von Getreidespeichern, die plötzlich einfach leer sind. Die Vermutung liegt nahe, dass Reserven via Krim nach Russland verschoben wurden. Einmal mehr wird uns bewusst, wie wenig wir uns um die geopolitischen Zusammenhänge gekümmert haben, obwohl wir sehr oft vor Ort waren und uns manchmal gefragt haben, was die grossen Hafenanlagen umschlagen und woher und wohin die langen Frachtschiffe kommen und gehen.

29. April 2022 - 22:45

Am heutigen MyPAR-Weekly hat Roma die Situation rund um Cherson als verhältnismässig ruhig bezeichnet. Die geplante Einführung des Rubels in ein paar Tagen betrachtet er als temporär - die Ukraine gewinne das Gebiet dann schon wieder zurück... Wir staunen ob seiner Gelassenheit und machen uns gleichzeitig Sorgen, ob er die Lage nicht etwas gar blauäugig einschätzt.

Yaroslav hat heute die definitive Zusage für einen Intensiv-Deutschkurs in Bern erhalten, Lena und Sascha hingegen müssen sich noch etwas gedulden... Und Hündin Sabbi hat einen Anruf vom Veterinäramt erhalten: sie darf sich nächste Woche bei einem Tierarzt ihrer Wahl einen Chip implantieren lassen.

29. April 2022 - 15:00

Wie befürchtet hat's heute nicht auf Anhieb geklappt mit der Registrierung von Serhii und Igor. Allerdings nicht wegen der Kantonszuweisung: Dem Empfangszentrum wurde ein Bus mit Flüchtlingen zugewiesen, die noch gar keine Unterkunft haben. Deshalb wurden heute alle, die bereits irgendwo eine Bleibe haben, auf einen späteren Termin vertröstet und wieder nach Hause geschickt. Absolut verständlich. Wir haben dann einen gemütlichen Spaziergang durch Bern gemacht... Ein Nachteil entsteht den beiden dadurch nicht - sie können einfach noch keine finanzielle Hilfe, Sprachkurse etc. beantragen. Das läuft dann aber alles rückwirkend auf den Tag ihrer Einreise.

28. April 2022 - 23:45

Serhii und Igor haben sich bereits sehr gut eingelebt bei ihrer Gastfamilie und fühlen sich sichtlich wohl und gut aufgehoben. Beim näher Kennenlernen gibt es immer wieder Momente, die einem die Tragweite des Geschehens vor Augen führt. So zum Beispiel wenn man beim Austauschen der Namen und Geburtsdaten der Kinder plötzlich feststellt, dass die eigenen Kinder praktisch die gleichen Jahrgänge wie Serhii und Igor haben und sich vorstellt, unter welchen Umständen ihre Eltern sie ziehen lassen mussten.

Lena, Sascha und Yaroslav haben heute die Verfügung erhalten, mit der ihr Status S offiziell bestätigt wird. Eigentlich nur eine Formsache, aber doch schön, das jetzt auch noch schwarz auf weiss zu sehen. Die Formulare für Serhii und Igor haben wir heute ausgefüllt. Morgen gehen wir nach Bern zur Registrierung beim Bundesasylzentrum. Herausfordernd dabei ist, dass der zwischen den Kantonen vereinbarte Verteilschlüssel seit dieser Woche konsequent angewendet wird. Gemäss diesem Schlüssel werden dem Kanton Bern 12% der Flüchtenden zugewiesen. Per heute sind demnach rund 850 Personen zu viel im Kanton Bern aufgenommen worden. Ausnahmen gelten für Familienangehörige und Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Wir stellen uns darauf ein, dass es etwas Überzeugungskraft brauchen wird, dass Serhii und Igor im Kanton Bern bleiben können...

28. April 2022 - 14:00

Die Lage in Cherson ist ungemütlich und sehr frustrierend für alle, die mit dieser Stadt verbunden sind. Das für gestern angesagte Referendum fand nicht statt, neue Gerüchte sprechen nun von Mitte Mai. Derweil werden Fakten geschaffen: ab dem 1. Mai soll die Ukrainische Währung Grivna im Gebiet Cherson durch den russischen Rubel ersetzt werden. Steuern gehen ab dann ebenfalls an Russland und nicht mehr an die Ukraine. Heisst konkret, man wird gezwungen, den Krieg gegen das eigene Land mitzufinanzieren.

Proteste wurden brutaler als noch vor ein paar Wochen aufgelöst. In der Nähe des Fernsehturms - ein Wahrzeichen im Stadtzentrum - schlug letzte Nacht eine Bombe ein. Ob es sich dabei um eine ukrainische oder russische Aktion handelte, bleibt unklar. Ein guter Freund von Lena und Sascha hat sich vor Ort ein Bild gemacht und eine Aufzählung der umliegenden Gebäude geschickt, die aufgrund der Detonation praktisch keine Fensterscheiben mehr haben. Darunter die städtische Musikschule und diverse Verwaltungsgebäude. Das Trottoir sei mit Scherben übersäht.

27. April 2022 - 23:45

Kurz nach dem Mittag sind Serhii und Igor hier angekommen - ein sehr emotionaler Moment für uns alle. Man sah und spürte förmlich, welche Last von ihnen fiel, endlich am Ziel ihrer Flucht angekommen zu sein. Am späteren Nachmittag dann der herzliche Empfang bei den Nachbarn, der Bezug ihres Zimmers und ein gemeinsames, gemütliches Nachtessen zum weiteren Kennenlernen.

Die Fluchtgeschichte der beiden lässt einen erschaudern: mit dem Vater im Auto bis zur Grenze zur Krim, danach zu Fuss über die Grenze und mit drei Schlepperbussen via Simferopol, Kertsch und Krasnodar nach Tiflis. Zweimal mussten sie Pässe und Handys abgeben, sich nackt ausziehen (es wird nach Tattoos von (para-)militärischen Einheiten gesucht), Red und Antwort stehen zu Fragen, bei denen unklar ist, welches die "richtige" Antwort ist. In einem der Busse wurden sie von Mitreisenden gefragt, aus welcher Einheit sie kämen. Es stellte sich heraus, dass es sich um russische Soldaten aus der Republik Burjatien am Baikalsee handelte, die direkt von der Front in der Ukraine auf dem Weg nach Hause waren. Das muss man zuerst einmal verdauen: vor ein paar Tagen hätten sie die beiden ohne Pardon umgebracht, wenn sie sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befunden hätten. Und nun sassen sie im selben Bus!

Als weiteres Highlight erhielten wir heute einen Termin für Yaroslav am nächsten Montag im Gymnasium Thun, wo gemeinsam eine Anschlusslösung für die weitere Ausbildung festgelegt wird. Voraussichtlich wird er bereits ab Dienstag einer Klasse zugeteilt, mit der er am Unterricht teilnehmen kann.

27. April 2022 - 10:15

Aus Cherson erreichen uns im Moment kaum gesicherte Informationen. Offenbar ist die Stadt weitgehend abgeriegelt, weder Ein- noch Ausreisen scheinen möglich. Wir haben Bilder gesehen von komplett leeren Regalen in Supermärkten. Das deckt sich mit Gerüchten, die seit rund 10 Tagen die Runde machen, dass alle Geschäfte mit Stichtag heute alle ukrainischen Produkte entfernen müssten und künftig russische Waren in die Regale kommen. Vom für heute angekündigten Referendum ist nichts spürbar - vermutlich wird dann einfach das Resultat bekannt gegeben... Der vormalige Bürgermeister der Stadt hat erklärt, er sei jetzt wieder Bürgermeister. Zu seiner Amtszeit galt er als eher pro-russisch gesinnt (was damals aber nicht wirklich ein grosses Thema und wohl auch von weiten Kreisen der Bevölkerung akzeptiert war).

Serhii und sein Cousin Igor haben sich kurz aus Istanbul gemeldet und treffen in der nächsten halben Stunde in Zürich ein. Sascha und Yaroslav holen sie am Flughafen ab.

26. April 2022 - 23:00

Via seinen ukrainischen Squash-Trainer hat Yaroslav hier einen Kontakt eines Squash-Trainers erhalten. Mit ihm und einigen andern Spieler konnte er heute Abend zwei Stunden trainieren. Er hat alles selbst organisiert: wo und wann treffen, Zug nach Bern und zurück. Einziges Missgeschick: er war eine Stunde zu früh dort, weil auf seinem Handy die ukrainische Zeit angezeigt wurde.

Für Serhii und seinen Cousin haben wir eine ideale Lösung gefunden: Nachbarn, die sich bereits vor einigen Wochen angemeldet haben, Geflüchtete aus der Ukraine aufzunehmen, haben sich spontan bereit erklärt, den beiden Jungs das vorbereitete Zimmer zur Verfügung zu stellen. Wir sind extrem dankbar und freuen uns nun so richtig, die beiden morgen hier in Empfang nehmen zu können.

26. April 2022 - 15:15

Heute Vormittag haben wir von Roman ein kurzes Signal erhalten, dass bei ihm soweit alles ruhig sei.

Hier sind wir einen Schritt vorwärts gekommen betreffend Sprachkurs: Wenn alles gut läuft, können Lena und Sascha ab nächster Woche einen Intensiv-Deutschkurs besuchen. Definitiv bestätigt wird das allerdings erst am Freitag.

25. April 2022 - 23:00

Am Nachmittag hat sich Serhii aus Tiflis gemeldet! Sie sind zwar müde, aber gut dort angekommen. Für Mittwoch haben wir ihnen einen Flug via Istanbul nach Zürich gebucht. Nun sind wir gefordert, sie hier gut in Empfang zu nehmen. Das wird etwas herausfordernd: einerseits nimmt der Kanton Bern seit dieser Woche nur noch in Ausnahmen Flüchtlinge auf (z.B. Verwandte), da die Verteilung auf die Kantone bisher sehr zu Ungunsten des Kantons Bern erfolgt ist. Andererseits sind zwei junge Männer viel schwieriger zu vermitteln als bspw. eine Mutter mit Kind. Grundsätzlich dürfen Männer zwischen 18 und 60 ja nicht ausreisen. Da stellen sich Fragen, wenn plötzlich zwei 25-Jährige vor der Tür stehen.

Die Realität ist wie bei Vielem in diesem sinnlosen Krieg komplizierter: grundsätzlich macht eine solche Ausreisesperre aus verschiedenen Gründen Sinn. In den russisch besetzten Gebieten im Süden und Osten besteht jedoch das Risiko, dass Ukrainer im wehrtüchtigen Alter in die Armee eingezogen werden - und zwar auf Seiten der Russen! Dass das keine Hirngespinste sind hat Russland auf andern Kriegsschauplätzen bewiesen. Dass man bei solchen Aussichten die Flucht ergreift ist nachvollziehbar. Aus Cherson bleibt im Moment nur der Weg via Krim nach Georgien - die Übergänge in andere Teile der Ukraine werden von den russischen Checkpoints blockiert.

Aktuell gelten in der Schweiz alle Flüchtlinge aus der Ukraine als Kriegsflüchtlinge. Gut möglich, dass zu einem späteren Zeitpunkt differenziert wird zwischen Kriegs- und politischen Flüchtlingen. Für Serhii und seinen Cousin besteht das Risiko, dass sie später nur unter Strafe wieder in die Ukraine zurückkehren können - da sie nach ukrainischer Lesart das Land illegal verlassen haben. Wie gesagt: die Realität ist kompliziert...

25. April 2022 - 14:15

Serhii und sein Cousin sind immer noch unterwegs, gehört haben wir heute noch nichts von ihnen. Wir gehen davon aus, dass sie im besten Fall heute schon in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, eintreffen. Es ist ein Vorteil, dass sie ohne Auto unterwegs sind. So können sie ab Tiflis via Istanbul in die Schweiz fliegen. Auf dieser Fluchtroute sind vergleichsweise wenige Leute unterwegs, sodass es regelmässige Flüge zu erschwinglichen Preisen gibt. Benzin und Übernachtungen kämen wesentlich teurer.

Um Roman machen wir uns etwas Sorgen. Er und seine Familie sind sehr stark verwurzelt in ihrem Dorf und können sich ein Weggehen nach wie vor nicht vorstellen. Wir hoffen, dass das gut kommt und sie unbehelligt bleiben.

24. April 2022 - 23:15

Von Serhii haben wir gute Nachrichten: er sitzt bereits in einem Bus Richtung Georgien. Er ist zusammen mit seinem Cousin unterwegs. Wenn alles gut geht sollten sie morgen bereits die Grenze passiert haben. In einem früheren Beitrag hatten wir geschrieben, dass er zusammen mit seinem Bruder fliehen werde. Im russischen braucht man das Wort Bruder sowohl für den leiblichen Bruder wie auch für "Brüder zweiten Grades" - oder eben Cousins.

In Cherson bleibt die Lage angespannt. Am nächsten Mittwoch scheint nun tatsächlich ein Referendum stattzufinden, das die Region Cherson als "unabhängige" Republik deklarieren will. Niemand kennt die genauen Modalitäten und Inhalte, noch die Konsequenzen je nach Ausgang - Demokratie klingt anders... Fakt ist, dass nun auch auf den Märkten immer mehr russische Produkte angeboten werden. Verkauft werden sie offenbar von Leuten, die sie von der Krim her einführen.

24. April 2022 - 12:45

Gerade eben haben wir von Serhii die Nachricht erhalten, dass er die Grenze zur Krim überquert habe. Nächstes Ziel ist die ca. 150 km entfernte Stadt Simferopol, von wo aus morgen der Bus Richtung Georgien fährt.

Heute feiert die orthodoxe Welt Ostern. Aus der Ukraine erreichen uns viele Bilder und Nachrichten, wie die Menschen alles daran setzen, etwas österliche Stimmung zu schaffen. Eier färben, die traditionelle Paska backen, sich mit der Familie versammeln - den Umständen entsprechend wird so gefeiert, wie es die Situation zulässt.

Wir haben nochmal ein paar Eier gefärbt, die wir heute tütschen werden.

23. April 2022 - 23:15

Von verschiedenen Seiten aus Cherson haben wir heute gehört, dass die russischen Checkpoints tatsächlich niemanden mehr aus der Stadt heraus passieren lassen. Mehrere Bekannte von Lena und Sascha und die Schwester von Roman haben es versucht und wurden wieder zurück geschickt. "Bis zum Referendum darf niemand mehr die Stadt verlassen", lautet die Begründung.

Serhii hat seinen Fluchtplan geändert: er wird nicht wie geplant mit einer befreundeten Familie im Auto fliehen. Die Wartezeiten am Grenzübergang zu Georgien betrügen im Moment 2-3 Tage - unzumutbar zu fünft in einem Auto... Gemäss neuem Plan bringt ihn sein Vater bis an die Grenze zur Krim (ca. 100 km), danach geht er zu Fuss weiter über die Grenze. Ab der Krim fährt ein Bus bis nach Georgien. Wir hoffen fest, dass alles gelingt.

23. April 2022 - 12:45

"Formulare, Formulare - von der Wiege bis zur Bahre" ist ja nicht ganz neu. Mit dem Schutzstatus für Flüchtende aus der Ukraine können sich auf allen behördlichen Ebenen die kreativen Formulardesigner neu verwirklichen... Heute Vormittag haben wir uns damit auseinandergesetzt, was es für Sabi, die Hündin, braucht. Tollwutimpfung und Microchip sind die wichtigsten Themen und dafür gibt es - genau: ein Formular. Dieses kann man von der Website des BLV herunterladen, handschriftlich ausfüllen, einscannen und an eine E-Mail-Adresse schicken. Danach wird man irgendwann für die nächsten Schritte kontaktiert... Immerhin: sehr viele Informationen liegen übersetzt auf Ukrainisch und Englisch vor und überall gibt man sich extrem Mühe. Da darf man unseren Behörden und den vielen Mitarbeitenden durchaus auch ein Kränzchen winden. Zumal es oft dieselben Stellen betrifft, die schon während Corona stark gefordert waren.

Aber das ist alles nebensächlich, wenn wir an unsere Freunde in der Ukraine denken. Heute haben wir weder von Roman noch von Serhii etwas gehört, wissen also nicht, ob sie unterwegs sind oder nicht.

22. April 2022 - 23:15

Am Nachmittag waren wir noch einmal mit Serhii im Austausch. Er wird sich voraussichtlich morgen zusammen mit seinem Bruder und einer befreundeten Familie mit deren Auto auf den Weg machen. Da die russischen Checkpoints offenbar kaum mehr Leute in Richtung ukrainisch kontrollierter Gebiete passieren lassen, wollen sie es via Krim und Russland nach Georgien versuchen. Bis zur Georgischen Grenze sind es knapp 900 km. Von dort soll es dann weiter gehen über die Türkei in Richtung EU/Schweiz. Sie haben noch eine Alternativroute im Kopf und sind sich noch nicht ganz sicher, was klüger ist.

Für Lenas Mutter Luba und Schwester Oksana haben wir für Anfang Mai Flugtickets von Krakau nach Basel gekauft. Gemäss aktuellem Plan wird Oksana nach zwei Wochen wieder nach Polen zurückkehren während Luba sich wohl hier registrieren wird. Der Entscheid der westlichen Staaten, die Reisefreiheit, die die Ukrainer bisher hatten, trotz Schutzstatus nicht einzuschränken, ist aus unserer Sicht extrem wichtig und richtig. Viele Ukrainische Familien sind sich Reisen und grosse Distanzen zwischen den Familienmitgliedern gewohnt. Mit dem Krieg wurde ihnen ein grosser Teil der Selbstbestimmung genommen. Dass sie sich innerhalb der europäischen Länder frei bewegen können ist deshalb ein wichtiges Signal.

22. April 2022 - 10:00

Obwohl wir an verschiedenen interessanten Projekten und Aufträgen arbeiten können war die Stimmung am heutigen MyPAR-Weekly bedrückt. Für Roman und Serhii, die sich nach wie vor in Vororten von Cherson befinden, wird die Situation jetzt richtig brenzlig: es ist vermutlich eine Frage der Zeit, dass das Gebiet Cherson per (fiktivem) Referendum zur "unabhängigen" Republik unter russischer Kontrolle erklärt wird. Mehr oder weniger offen wird bereits gesagt, dass die Männer im wehrpflichtigen Alter dann in die Armee eingezogen werden - und zwar für die russische Seite! Wer nicht spurt riskiert zu verschwinden.

Während Serhii bereits konkrete Pläne hat, an diesem Wochenende zu fliehen, ist Roman noch unschlüssig. Es sind unglaublich schwierige Entscheide, die in diesen Tagen von vielen Menschen in den besetzten Gebieten getroffen werden müssen. Dazu kommt, dass die Flucht ganz offensichtlich noch riskanter geworden ist als noch vor ein paar Wochen.

Lena und Sascha haben uns erzählt, dass sie in den Tagen vor der Flucht x Mal gepackt und wieder umgepackt hätten - um am Schluss dann trotzdem nur mit einem Rucksack und ein paar kleinen Taschen abzureisen. Du machst dich auf eine Reise, die völlig ungewiss ist. Du lässt praktisch alles zurück, was du dir in deinem bisherigen Leben aufgebaut hast und musst dich darauf einstellen, dass du nochmal bei null beginnst. Wer wie in unserem Fall Verwandte oder Bekannte im Ausland kennt, hat immerhin einen Orientierungspunkt in weiter Ferne. Seine Heimat verlassen zu müssen ohne die geringste Ahnung zu haben, wo die Reise endet, muss unvorstellbar belastend sein.

21. April 2022 - 22:15

Aus Cherson hören wir, dass die Bewegungsfreiheit offenbar wieder deutlich reduziert ist. Einerseits kommt man im Moment kaum mehr aus der Stadt heraus, andererseits gibt es auch innerhalb der Stadt viel mehr Checkpoints. Sascha hat heute mit einem Kollegen gesprochen, der innerhalb der Stadt rund 1.5 Stunden an Checkpoints aufgehalten wurde.

21. April 2022 - 14:30

Lenas Mutter und Schwester sind gut in Krakau angekommen. Das ist schon mal beruhigend. Sie werden nun ein paar Tage dort bleiben. Oksana ist sich im Moment noch überhaupt nicht sicher, welches ihre nächsten Schritte sein könnten.

Yaroslav kann heute zum ersten Mal nach knapp zwei Monaten endlich wieder mal Squash spielen. Vor dem Krieg hat er wöchentlich mehrmals trainiert.

20. April 2022 - 23:30

Heute sind Lenas Mutter Luba und Schwester Oksana aus Lviv/Lemberg mit dem Zug Richtung Westen aufgebrochen. Die Unsicherheit ist nun auch im Westen so gross, dass Viele die Flucht erwägen. Erstes Ziel von Luba und Oksana ist Krakau (Polen), wo die eine Tochter von Oksana seit längerem lebt. Während für Lenas Mutter klar ist, dass sie vorerst nicht in die Ukraine zurückkehren wird, ist Oksana unsicher. Ihr Mann ist nach wie vor in der Ukraine und darf nicht ausreisen.

In Cherson gibt es keine wesentlichen Veränderungen. Lena hat von jemandem gehört, die heute aus Cherson fliehen wollten, aber an einem der Checkpoints ohne grosse Begründung zur Rückkehr gezwungen wurden. Ob es sich um einen Einzelfall handelt oder ob es tatsächlich nochmal schwieriger geworden ist, das Gebiet Cherson zu verlassen, können wir nicht beurteilen.

20. April 2022 - 11:15

Keine grossen Veränderungen in Cherson, es sei verhältnismässig ruhig. Grösste Sorge ist und bleibt die Versorgung mit Medikamenten.

Nachdem unsere Leute gestern fast den ganzen Tag in Thun verbracht haben, um sich betreffend der finanziellen Unterstützung bei der zuständigen Amtsstelle zu melden (und mit ukrainischer Geduld bis in den Nachmittag hinein Schlange zu stehen...) planen wir heute einen "behördefreien" Tag. Es stehen ein paar Besorgungen an und weiteres Einleben im Schweizer Alltag. Nach dem Autowasch-Ritual vom letzten Samstag wird Sascha heute ins Rasenmähen eingeführt...

19. April 2022 - 22:45

Es ist weiterhin ungewöhnlich kalt im Süden der Ukraine. In den meisten Wohnungen dürfte die Temperatur unter 18°C gesunken sein. Die angekündigte und teilweise bereits begonnene Offensive im Osten der Ukraine beunruhigt das ganze Land. Einerseits weil auch in andern Städten die Luftangriffe wieder zugenommen haben, andererseits wegen der Ungewissheit, wohin sich das alles entwickelt.

Die Beschaffung von Medikamenten war nur teilweise erfolgreich, immer mehr Medikamente sind schlicht nicht mehr aufzutreiben. Ein Glück, dass immerhin die Finanztransaktionen immer noch reibungslos funktionieren. Schon vor Corona war die Ukraine hinsichtlich bargeldlosem Zahlungsverkehr der Schweiz voraus: sehr viele Leute, durchaus auch "ältere Semester", haben ein Online-Konto bei der Monobank. Die gesamte Kontoführung funktioniert über eine Smartphone-App, dazu gibt es eine Kreditkarte. Von Monobank- zu Monobank-Konto sind Transaktionen gratis und sekundenschnell verarbeitet. Bisher war das einfach praktisch und bequem - jetzt ein riesiger Vorteil, z.B. auch für die Spendenüberweisungen, die wir tätigen. Niemand muss Bargeld abheben, Lena kann die ganze Koordination und Verteilung genauso gut auch aus der Schweiz machen.

19. April 2022 - 08:45

Kurz vor Ostern haben wir einen weiteren Spendenbetrag überwiesen. Trotz Feiertagen hatte Lena das Geld am gleichen Tag noch auf ihrem Konto! Im Vordergrund steht aktuell die Beschaffung und Verteilung von Medikamenten. Luda, Tanjas Freundin, die noch vor Ort geblieben ist, sowie Andrej, ein guter Freund von Sascha und Lena, werden nun vermehrt mithelfen bei der Koordination der Aktivitäten.

18. April 2022 - 23:00

In Cherson drückt das frische und regnerische Wetter zusätzlich auf die Moral. In den Wohnungen ist es kalt - die Fernheizung ist seit Anfang April im Sommerschlaf. Von der ukrainischen Seite gibt es Durchhalteparolen, jeder noch so kleine Erfolg wird vermeldet. Gleichzeitig schreitet die "Russifizierung" in Cherson scheinbar unaufhaltsam voran. Es sind nicht mehr die lokalen Händler, die Frischprodukte anbieten, sondern Leute aus der Krim. In staatlichen Betrieben werden die Angestellten vor die Wahl gestellt, entweder unter neuem Management zu arbeiten oder die Stelle zu verlieren. Ob das Einzelfälle sind, die dann weit herumgereicht werden, oder ob es tatsächlich bereits systematisch geschieht, können wir von hier aus nicht beurteilen. So oder so aber ein beklemmendes Gefühl.

18. April 2022 - 10:45

Heute früh hat Sascha eine Anfrage aus Cherson erhalten für einen Transportauftrag: jemand hat einen Kühlschrank gekauft und muss ihn nun vom Geschäft nach Hause transportieren lassen. Ein 0815-Auftrag in normalen Zeiten - heute fast unmöglich. In der Ukraine läuft extrem viel über das persönliche Netzwerk. Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt, der helfen kann... Diese Netzwerke sind gerade auch jetzt Gold wert. Immer öfter lautet allerdings die Antwort: "Tut mir leid, ich bin nicht mehr in Cherson.".

Die Nachrichten aus Lviv/Lemberg sind heute wieder beunruhigend. Erneut wurden Ziele ganz im Westen der Ukraine angegriffen, nicht weit vom Wohnquartier von Lenas Schwester.

17. April 2022 - 23:15

Wir haben den heutigen Tag so richtig genossen. Wir wurden kulinarisch verwöhnt - inklusive wunderschönem Ausblick von der Höh. Am Abend dann noch ein längerer Spaziergang der Aare entlang. Das sind gute und nötige Momente zum Abschalten.

Schon uns fällt es schwer, Distanz zu all den Nachrichten zu gewinnen. Noch viel herausfordernder ist es für diejenigen, die vor Ort lebten und mit vielen Freunden, Bekannten und Nachbarn noch viel stärker vernetzt sind als wir.

Den Tag abgeschlossen haben wir mit einem weiteren administrativen Schritt: die Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern bietet ein Online-Formular für Jugendliche an, um den aktuellen Bildungsstand zu erheben und so die beste Anschlusslösung zu finden. In der Ukraine hätte Yaroslav diesen Sommer seinen Mittelschulabschluss gemacht. Wir sind nun gespannt, wie er hier eingestuft wird.

Wie schon mal im März ist auch jetzt das Wetter in Cherson wieder wesentlich schlechter als hier. Es ist kühl und regnerisch. Das ist eher ungewöhnlich. Oft waren wir im Frühling eifersüchtig auf die bereits fast sommerlichen Temperaturen in der Ukraine, während wir hier noch fröstelten.

17. April 2022 - 12:15

Wir feiern heute Palm-Ostern. Nach orthodoxem Kalender wird Ostern anders als bei uns festgelegt und findet meist verschoben statt. Heute ist in der Ukraine deshalb "erst" Palmsonntag.

Lena ist mit ihrer Mutter Luba und ihrer Schwester Oxana im Kontakt. Oxana lebt mit ihrer Familie seit langem in Lviv/Lemberg, also ganz im Westen der Ukraine. Die beiden Töchter sind erwachsen und leben beide in Polen. Nach dem Tod von Lenas Vater lebte die Mutter abwechselnd in Cherson und in Lviv. Seit Kriegsbeginn ist sie zum Glück in Lviv. In den letzten Tagen wurde es auch in Lviv unruhiger. Lena macht sich natürlich Sorgen und wir haben uns schon mal Gedanken gemacht, wie, wann und wohin allenfalls Oxana und Luba fliehen könnten. Oxanas Mann wird kaum Chancen haben auszureisen und stellt sich deshalb darauf ein zu bleiben.

16. April 2022 - 23:30

Wir haben einen recht umtriebigen Samstag hinter uns mit dem Organisieren unseres neuen gemeinsamen Alltags. Es gilt das eine oder andere einzurichten, Dinge zu besorgen, die fehlen, zu sortieren, was aus Cherson mitgekommen ist. Und schon fast typisch schweizerisch hat Sascha das Auto gewaschen.

Mitgekommen aus Cherson ist sehr wenig. Einerseits aus Platzgründen, andererseits aus Vorsicht, sich nicht irgendeinem falschen Verdacht auszusetzen. Die zwei Laptops, die Mobiltelefone und je ein kleiner Rucksack mit Kleidern entspricht etwa dem Durchschnitt, was Tanja auch bei andern Flüchtlingen sieht, die sie begleitet. Das eigene Auto ist die Ausnahme. 2017 hätten wir unseren VW Touran hier in der Schweiz nur noch unter Wert verkaufen können. Deshalb haben wir uns für den Export in die Ukraine entschieden. Dass dieser Entscheid mal eine derartige Tragweite haben würde hätten wir uns nie gedacht! Die eigene Mobilität erlaubte eine vergleichsweise angenehme Flucht ohne tagelange Fahrten in überfüllten Zügen oder Bussen. Für Galina mit Rollstuhl wäre ein Wegkommen ohne eigenes Fahrzeug kaum realistisch gewesen.

Einmal mehr sind wir tief beeindruckt von den vielen, vielen Willkommensgrüssen und -Zeichen und extrem dankbar für die zahlreichen Hilfestellungen in den letzten Tagen!

Die Situation in Cherson ist eher besorgniserregend. Erneut werden Daten für ein Referendum herumgereicht, an denen der Anschluss der Region Cherson an Russland beschlossen werden soll. Es scheint auch wieder mehr Gefechte zu geben rund um Cherson.

16. April 2022 - 11:15

Tagesziel von heute sind Schweizer SIM-Karten für die Handys. Zu wissen, unterwegs Internet-Verbindung zu haben gibt ein Stück Sicherheit und Unabhängigkeit. Alle Schweizer Mobilfunkanbieter stellen Ukrainischen Flüchtlingen für die erste Zeit kostenlose Abos zur Verfügung. Da ist sicher auch etwas Kalkül dahinter, dass Viele dann irgendwann in einen bezahlten Plan wechseln. Im Moment aber einfach extrem hilfreich, wenn man nicht noch Preise, Datenvolumen usw. vergleichen muss.

Alexandra und ihre Freundin nehmen Yaroslav mit auf einen Ausflug. Ziel: Montreux.

15. April 2022 - 23:30

Die Registrierung für den Status S hat problemlos geklappt. Es dauert natürlich seine Zeit, bis alles überprüft, vom handschriftlichen Formular übertragen ist und seine Richtigkeit hat. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass die Ukraine bezüglich Digitalisierung in vielen Belangen wesentlich weiter ist als viele westeuropäische Länder.

Lena hat heute von hier aus ihre Unterstützungstätigkeit in Cherson wieder aufgenommen. Noch aus Cherson hat sie Medikamente versucht zu organisieren. In Cherson selber gibt es kaum mehr Medikamente zu kaufen. Mit den Fahrzeugen, die Leute aus Cherson in sicherere Städte führten, werden auf der Rückfahrt Medikamente und andere Güter mitgebracht. Lena hat eine solche "Sammelbestellung" aufgegeben. Gestern hat sie die Nachricht bekommen, dass die Medikamente tatsächlich angekommen seien! Nun geht es darum, die Feinverteilung zu planen und ein Auge darauf zu halten, dass alles am richtigen Ort ankommt.

Wir haben noch länger mit Luda, Tanjas Freundin, telefoniert. Die Lage in Cherson ist eher noch etwas angespannter als in den letzten Tagen. Innerhalb der Stadt gibt es immer mehr Checkpoints und die Preise sind weiter gestiegen. Dafür gibt es jetzt Eier zu kaufen mit Herkunft Tschuwaschien, einer russischen Republik rund 1'500 km von Cherson entfernt...

15. April 2022 - 12:30

Heute Vormittag endlich wieder mal ein Tag, an dem nach Aufstehen und Frühstück nicht gleich wieder Packen und Weiterfahren angesagt war! Dafür Papierkram. Dank Tanjas Arbeit im Bundesasylzentrum konnte sie die benötigten Formulare für die Registrierung zum Ausfüllen mit nach Hause nehmen. Wir wollen die Registrierung in Bern heute Nachmittag erledigen. Über Ostern ist das Bundesasylzentrum nur reduziert geöffnet. Es kann deshalb sein, dass es nächste Woche zu längeren Wartezeiten kommt.

Beim Ausfüllen des Formulars war die für uns entscheidende Frage diejenige nach dem Wohnort: man kann entweder ankreuzen, dass man bereits für die nächsten ca. drei Monate irgendwo untergebracht ist oder dass man eine Unterkunft braucht. Es galt also von beiden Seiten explizit ja oder nein zu sagen zu einer mehrmonatigen Haushaltsverdoppelung. Für uns war schon im Vorfeld klar, dass die vorläufige Unterbringung bei uns für uns stimmig und wohl auch am Einfachsten für die Akklimatisierung hier ist. Ebenso wichtig ist uns aber auch, dass diese Lösung auch für Lena, Sascha und Yaroslav passt.

14. April 2022 - 23:45

Nach fünfeinhalb Tagen und 2'900 km sind Lena und Sascha mit Hündin Sabi heute um 20.15 Uhr bei uns angekommen! Wir alle sind erleichtert und unendlich dankbar. Noch vor weniger als einer Woche schien ein Wiedersehen in weitester Ferne - und nun sitzen wir gemeinsam an einem Tisch. Das braucht noch etwas Zeit, dass das ankommt...

Mit verschiedenen Leuten, die noch in Cherson sind, haben wir geschrieben oder gesprochen. Alle freuen sich, dass die Flucht geglückt ist und die lange Reise sicher ans Ziel geführt hat.

14. April 2022 - 10:15

MyPAR ist international geworden: am heutigen Weekly waren Roman und Serhii aus der Ukraine, Vika aus Polen, Lena aus Deutschland und Tanja und Alena aus der Schweiz dabei. Und es funktioniert! Blendet man den Hintergrund dieser neuen Tatsache aus, dann wäre das eigentlich ganz schön...

Vika wird vorerst in Polen bleiben. Heute wird sie zusammen mit Roman den Laptop ihres Bruders soweit vorbereiten, dass sie damit arbeiten kann. Ihren MyPAR-Laptop hat sie in Cherson zurückgelassen.

Roman hat heute von der Situation seiner Eltern, bei denen er lebt, erzählt: sie betreiben etwas ausserhalb von Cherson Gewächshäuser. Aktuell ist für sie Zwiebelsetzlingernte. Sie stehen kurz davor, einen Grossteil der Zwiebelsetzlinge vernichten zu müssen, da sie nirgendwohin liefern können. Nur einen Bruchteil können sie in den umliegenden Dörfern verkaufen oder verschenken. Der Ertrag aus dem Verkauf der Zwiebelsetzlinge wäre eigentlich für Saatgut und Dünger gedacht für den Sommer-Anbau, der jetzt ansteht. Einmal mehr Fragen über Fragen: was tun mit den Zwiebeln? Wie umgehen mit dem Ertragsausfall? Lohnt es sich überhaupt, dieses Jahr noch etwas anzubauen?

13. April 2022 - 22:15

Was für ein Tag! Yaroslav und Oma Galina sind nach einem problemlosen Flug pünktlich in Basel angekommen, wo Alexandra und ich sie abgeholt haben. Kurz nach 16 Uhr trafen wir bei meinen Eltern ein, wo Oma Galina vorerst wohnen wird. Im Gegensatz zu unserem Haus ist ihre Wohnung rollstuhlgängig, alles ist auf einer Etage. Alexandra hat Yaroslav auf einem ersten Spaziergang bereits die wichtigsten «In-Places» von Heimberg gezeigt.

Lena und Sascha sind gut vorangekommen und übernachten heute in Altötting in Bayern, etwa 1 Autostunde von München entfernt. Läuft alles nach Plan treffen sie morgen in der Schweiz ein!

In Cherson ist es wieder kühler geworden, sonst aber glücklicherweise ruhig geblieben.

13. April 2022 - 11:30

Gute Noten fürs Airport Hotel in Budapest! Ohne dass ich das bei der Reservation speziell angegeben hätte wurde Tanjas Mutter in ein Zimmer mit behindertengerechtem Badezimmer einquartiert. Am Abend hatten sie sogar etwas Zeit und Energie für einen Spaziergang. Gegen 11 Uhr fuhren Yaroslav und Galina mit dem Shuttle Bus zum Flughafen und Lena und Sascha machen sich auf die Weiterfahrt.

In all den Berichten habe ich bisher eine Mitreisende nie erwähnt: Sabi, die Hündin von Lenas Familie. Die durfte selbstverständlich auch mit und hat die Reise offenbar ganz geduldig über sich ergehen lassen. Für viele Flüchtende ist es ein Dilemma, was sie mit ihren Haustieren machen: bei Nachbarn zurücklassen geht oft nicht, weil diese ja unter Umständen auch nicht mehr lange vor Ort bleiben. Zudem ist es je nach Ort nicht ganz einfach, Tierfutter zu erhalten. In Cherson zum Beispiel wurde das nach einigen Wochen der Belagerung zum Problem. Bei der Vermittlung von Gastgebern hier in der Schweiz sind ankommende Flüchtlinge mit Haustieren auch deutlich schwieriger zu vermitteln. Das ist nachvollziehbar. Allergien, bereits vorhandene Haustiere und so weiter sind durchaus valable Gründe, nur jemanden ohne Haustier aufzunehmen.

12. April 2022 - 23:15

Zuerst muss ich mich korrigieren: ich habe in den letzten Beiträgen mehrmals von "Moldawien" gesprochen. Ein sehr guter Beitrag im Echo der Zeit von heute erläutert, dass die korrekte Bezeichnung der ehemaligen "Moldauischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik" korrekterweise "Moldau" ist. Im Beitrag wird auch angesprochen, dass in Transnistrien, einem schmalen Landstrich an der Grenze zur Ukraine, schon seit Jahren russische Truppen stationiert sind - einer der "eingefrorenen Konflikte" Russlands. Es gibt Befürchtungen, dass Odessa im Süden der Ukraine auch von dort aus angegriffen werden könnte.

Unsere Leute sind am späteren Nachmittag gut in Budapest angekommen. Morgen trennen sich die Wege: Yaroslav fliegt zusammen mit Oma Galina nach Basel, Sascha und Lena fahren die verbleibenden 1'100 km mit dem Auto. Galina strapaziert die Reise im Auto stark, bei den Hotels braucht es jeweils rollstuhlgängige Zimmer. Im Moment ist es noch etwas unrealistisch, dass Galina und Yaroslav bereits morgen hier sind!

Aus Cherson hören wir, dass es aktuell keine grossen Veränderungen gibt - nach wie vor "stabil instabil".

12. April 2022 - 11:00

Von Săcel gings heute morgen bei -2°C weiter Richtung Ungarische Grenze und von dort nach Budapest. Das sind knapp 500 km. Das scheint für heute ein realistisches Etappenziel, die kurvenreichen Strassen Rumäniens haben sie weitgehend hinter sich.

Während in Moldawien russisch noch sehr verbreitet ist, sind nun zunehmend die Englischkenntnisse von Yaroslav gefragt. Er besuchte mehrere Jahre zusätzlich zum obligatorischen Unterricht Englischlektionen - das kommt jetzt allen zugut! Rumänisch und erst recht ungarisch haben mit russisch etwa gleich viel gemeinsam wie deutsch...

Die Ukraine, Moldawien, Rumänien und Ungarn haben alle unterschiedliche Währungen. Trotzdem haben sie auf der ganzen Reise noch keinen Rappen Bargeld gebraucht! Überall können sie mit Kreditkarte bezahlen, die Hotels habe ich teilweise direkt bei der Buchung aus der Schweiz bezahlen können. Diese Möglichkeiten sind unbezahlbar!

Von Vika und ihrem Bruder haben wir die Nachricht erhalten, dass sie gut in Polen angekommen sind. Wir sind nicht sicher, ob sie bereits an ihrem Zielort oder einfach gut über die Grenze gekommen sind.

11. April 2022 - 23:15

Serhii und Roman wirkten heute auf uns eher etwas besorgt. Grundsätzlich war es übers Wochenende ruhig geblieben, aber trotzdem liegt eine Anspannung in der Luft und eine grosse Ungewissheit, was die nächsten Tage und Wochen bringen. Die russische Besatzung ist unübersehbar, oft unklar, welche Absichten sie genau verfolgen. Wir haben beiden nochmal nahegelegt, sich gut zu überlegen, ob sie die Gegend nicht zumindest für eine Zeitlang Richtung Westukraine verlassen möchten. Es ist ein Riesendilemma: ins Ausland ausreisen ist chancenlos, da sie im wehrpflichtigen Alter sind. Wird der Süden der Ukraine längerfristig russisch besetzt, dann wird Russland gleich vorgehen wie 2014 auf der Krim: russische Währung, russische Produkte, russische Pässe. Mit russischem Pass auch nur für Ferien irgendwohin ins Ausland verreisen, dürfte auf längere Sicht aufgrund der Sanktionen schwierig bleiben. Befreiung von was auch immer tönt anders... Und trotzdem haben die beiden heute die nächste Abstimmungsbotschaft der Stadt Bern barrierefrei aufbereitet. Noch nie schien uns der Kontrast bei einem Auftrag so gross: ein schöner und wichtiger Beitrag zur Inklusion und Barrierefreiheit - erarbeitet an einem Ort voller Hürden und Barrieren.

Lena haben wir schon lange nicht mehr so fröhlich gesehen wie heute Abend. Sie hat zwar zusammen mit Sascha, Yaroslav und Galina eine lange und beschwerliche Fahrt quer durch Rumänien hinter sich, aber die Anspannung der letzten Wochen hat sich sichtlich gelegt. Sie sagt, die Bilder der letzten Wochen vermischen sich mit den bislang unbekannten Landschaften Moldawiens und Rumäniens. Mal nimmt das eine, mal das andere mehr Raum ein. Wir hoffen sehr, dass die Fahrt nicht nur geografisch Distanz schafft, sondern auch hilft, die letzten Wochen zu verarbeiten. Zurückgelegt haben sie heute knapp 400 km und übernachten nun in Săcel.

11. April 2022 - 13:00

Im Lauf des Vormittags haben sich Lena, Sascha, Yaroslav und Galina wieder auf den Weg gemacht, allgemeine Richtung: Budapest. Die knapp 900 km werden sie heute vermutlich nicht schaffen. Nachdem sie noch einige Besorgungen gemacht und vollgetankt haben stehen sie nun an der Moldawisch-Rumänischen Grenze. Mit viel, viel weniger Druck können sie nun die Weiterreise im gerade passenden Tempo angehen.

Wir waren gespannt, wie unser Montags-Weekly mit den MyPAR-Mitarbeitenden aussehen wird... Es waren alle dabei! Roman und Serhii aus Cherson, Lena aus dem Hotelzimmer und Vika aus dem Bus Richtung Polen! Was für eine Loyalität!

10. April 2022 - 19:15

Kurz vor halb sieben Schweizer Zeit haben wir den erlösenden Anfruf von Lena erhalten: "Wir sind alle in Moldawien." Ein unfassbar schöner Moment, was für eine Erleichterung!

Es war für uns ein Sonntag zwischen Hoffen und Bangen. Mehrmals haben wir mit unseren Lieben telefoniert. Sie waren sich nicht sicher, welches die beste Option für den Grenzübertritt war: auf direktem Weg zur Moldawischen oder etwas weiter zur Rumänischen Grenze? Am Ende haben wir uns gemeinsam entschieden, dass sie sich ein Bild an der Moldawischen Grenze in Mohyliw-Podilskyj verschaffen und dann entscheiden, wie weiter. Ungefähr um 18 Uhr Ortszeit trafen sie dort ein und fuhren mutig gleich zum Grenzübergang, den sie ohne grössere Schwierigkeiten passieren durften! Dass es so einfach geht hätten wir uns nicht zu träumen gewagt. Wir sind überzeugt, dass so viele liebe Menschen an uns und gedacht und für unsere Lieben eingestanden sind, dass es einfach klappen musste! Sie fahren heute noch weiter nach Bălţi, wo wir ihnen über booking.com wiederum ein Hotel reservieren konnten.

Vika und ihr Bruder standen während der ganzen Zeit mit ihrem Vater im Austausch, der in Polen lebt. Sie haben sich dann entschieden, ab Vinnytsya auf einen Bus umzusteigen, der sie direkt an die Grenze zu Polen bringt, wo ihr Vater sie abholt. Wir hoffen natürlich auch für sie, dass sie baldmöglichst gut dort ankommen.

10. April 2022 - 11:30

Eine so ruhige und erholsame Nacht hätten sie seit Wochen nicht mehr gehabt, berichten unsere Lieben aus Uman. Gegen Mittag haben sie die Weiterfahrt angetreten. Sie sind jetzt unterwegs in Richtung Vinnytsya. Entgegen dem gestrigen Plan, weiter Richtung Westen nach Lviv/Lemberg zu fahren, haben sie sich heute dafür entschieden, von Vinnytsya dann doch südlich Richtung Moldawische Grenze abzubiegen. Grund für die Planänderung sind Meldungen, dass die Strassen nach Lemberg komplett verstopft seien und man mehrere Tage schon nur bis nach Lemberg brauche. Für den Grenzübertritt nach Polen werden die Wartezeiten auch täglich länger. Ursache für diese Situation sind die Flüchtlingsströme aus den östlichen Gebieten der Ukraine (Charkiv, Donezk, Luhansk, Mariupol). Vor einigen Tagen hat die ukrainische Regierung die Zivilbevölkerung aufgerufen, diese Gebiete wenn möglich zu verlassen.

9. April 2022 - 21:30

Am Abend sind unsere Lieben zwar müde, aber gut in Uman angekommen. Im Hotel wurden sie sehr warm empfangen und erst mal verköstigt. Tanjas Mutter haben sie sogar die Suite im EG zur Verfügung gestellt, damit sie mit dem Rollstuhl besser zurecht kommt.

Die 400 km lange Fahrt von Cherson über Snigirevka und Kropyvnytskyi nach Uman dauerte rund 12 Stunden. Sie passierten insgesamt ca. 20 russische und ukrainische Checkpoints. Überall ging es sehr anständig und gesittet zu, kontrolliert wurden nur die Pässe. An einem russischen Checkpoint wurden sie gefragt, wie denn die Situation sei, sie seien erst vor kurzem hierher verlegt worden und wüssten nicht so genau, was Sache sei...

Abgesehen von den zahlreichen zeitraubenden Checkpoints gab es zwei kritische Momente: Kurz nach dem Passieren der Frontlinie, als sie sich schon in Sicherheit wogen, flogen plötzlich während einem Toiletten-Halt Geschosse über ihre Köpfe - noch näher und lauter als sie sie in Cherson erlebt hatten. Etwas später mussten sie eine halb zerfallene Brücke überqueren, vor der ein Hinweisschild "Vorsicht Minen" aufgestellt war. Ein mulmiges Gefühl...

Nun ruhen sie sich erst einmal aus. Morgen oder vielleicht auch erst übermorgen geht die Fahrt dann weiter Richtung Lviv/Lemberg. An verschiedenen Checkpoints wurde ihnen von der Fahrt Richtung Moldawien eher abgeraten. Zudem wohnen Lenas Schwester und ihre Mutter in Lviv, was einerseits ein Wiedersehen ermöglicht und natürlich auch eine gute Anlaufstelle ist bevor es dann über die Grenze Richtung Polen oder Ungarn geht. Dem Ziel, gemeinsam Ostern feiern zu können, sind wir heute einen riesigen Schritt näher gekommen!

9. April 2022 - 15:30

Soeben haben wir mit Lena telefoniert! Sie sind ein gutes Stück weitergekommen, die umkämpften Gebiete haben sie hinter sich gelassen. Sie planen, noch bei Tageslicht die Stadt Uman zu erreichen und über Nacht dort zu bleiben. Über booking.com habe ich ihnen eben eine Unterkunft gebucht. Wir sind aufs erste einmal sehr, sehr erleichtert und danken allen für eure Gedanken und Gebete!

9. April 2022 - 10:45

Um halb sechs Uhr Ortszeit haben sich Lena, Sascha, Yaroslav, Tanjas Mutter Galina zusammen mit unserer MyPAR-Mitarbeiterin Vika und ihrem Bruder zum zweiten Mal auf den Weg gemacht. Nach 2.5 Stunden waren sie bereits etwas weiter gekommen als am Donnerstag. Jetzt gerade (10.30 Uhr Schweizer Zeit) haben wir die Nachricht erhalten, dass sie den ersten ukrainischen Checkpoint erreicht hätten. Wir verstehen das so, dass sie die Frontlinie überquert haben und - wenn sie den Checkpoint erfolgreich passieren - die Weiterfahrt auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet weiter geht.

8. April 2022 - 21:15

Für unser MyPAR-Team war heute ein weitgehend normaler Arbeitstag.

Sascha und Lena haben weitere Vorbereitungen getroffen für einen zweiten Fluchtversuch in den nächsten Tagen. Mit jedem aufgedeckten Verbrechen an der Zivilbevölkerung steigt die Angst, ob es deine Heimatstadt als nächstes trifft. Dazu kommt eine Vielzahl an Gerüchten, wie es unter der russischen Besetzung weitergeht. Eine Befürchtung ist, dass es bald nur noch Fluchtkorridore in die Krim, also auf das von Russland bereits 2014 annektierte Gebiet, geben könnte. Aus dem Osten der Ukraine hört man bereits von mehr oder weniger unfreiwilligen Deportationen nach Russland.

Tanja hat auch diese Woche wieder viel im Bundesasylzentrum in Bern gearbeitet - insgesamt bereits mehr als 130 Stunden seit ihrem ersten Einsatz vor genau einem Monat. Gestern wurde im Kanton Bern der 1'000. Flüchtling an eine Privatunterkunft vermittelt. Im Durchschnitt sind das rund 25 Flüchtlinge pro Tag. Ob das jetzt viel oder wenig ist lässt sich nicht beurteilen - es gibt ja nichts Vergleichbares. Fakt ist, dass der Grossteil der Platzierungen erfolgreich ist. Tanja hinterlässt für allfällige Verständigungsprobleme oft ihre Telefonnummer und bekommt auf diesem Weg sehr viele positive Rückmeldungen, wie gastfreundlich und grosszügig der Empfang in den Privatunterkünften ist. Das stimmt uns extrem dankbar.

8. April 2022 - 08:15

Tanjas Mutter hat schon lange nicht mehr so gut geschlafen wie letzte Nacht! Der gestrige "Ausflug" war für sie körperlich sehr anstrengend. Die Fahrt an sich habe sie überhaupt nicht als bedrohlich wahrgenommen. Im Gegenteil: während der Wartezeiten an den Checkpoints hätten die Leute ihre Autos verlassen, man habe mit vielen Leuten gesprochen. Alle sitzen im gleichen Boot. Für Sascha und Lena ist die Anspannung natürlich ungleich grösser - die Verantwortung lastet auf ihren Schultern.

7. April 2022 - 21:15

Lena, Sacha, Yaroslav und Tanjas Mutter Galina sind unversehrt wieder in Cherson angekommen. Auch wenn wir uns natürlich gewünscht hätten, dass sie es bereits ein gutes Stück Richtung Westen geschafft hätten, sind wir froh und dankbar, dass es ihnen gut geht.

Sie haben uns erzählt, dass sie kurz nach 6 Uhr losgefahren sind und sich einer Auto-Kolonne angeschlossen haben. Wie diese Auto-Kolonnen entstehen ist nicht so klar. In diversen Chats tauschen sich die Leute aus und mit dem Wissen der Gruppe bildet sich die tagesaktuell beste Route heraus - Digitalisierung auf Ukrainisch! Heute verliess die Kolonne Cherson am nordöstlichen Stadtrand und fuhr auf Nebenstrassen nordwärts in Richtung Snigirevka. Das ist nicht der direkteste Weg Richtung Westen. Mykolayiv muss jedoch grossräumig umfahren werden. In der Gegend zwischen Cherson und Mykolayiv verläuft die Frontlinie zwischen russisch besetztem und ukrainischem Gebiet. Die Gegend ist heftig umkämpft.

Auf der Fahrt trafen sie alle paar Kilometer auf russische Checkpoints, so genannte "Block-Posts". Die Kontrollen verliefen alle recht zügig und ohne Zwischenfälle: ein Blick ins Auto, zwei, drei Fragen und sie durften weiter fahren. Man hört, dass die Kontrollen offenbar dank der langen Auto-Kolonnen schneller gehen. Trifft man alleine an einem Checkpoint ein, dann wird viel intensiver kontrolliert. An einem dieser Checkpoints wurde die Weiterfahrt verweigert, da Gefechte drohten. In solchen Fällen wendet ein Teil der Auto-Kolonne und fährt zurück, ein Teil wartet und spekuliert darauf, dass der Weg später wieder freigegeben wird. Einigen scheint es später am Tag tatsächlich noch gelungen zu sein, weiter zu fahren. Heisst aber auch, dass man dann irgendwo in der Weite der Ukraine eine Übernachtungsgelegenheit suchen muss. Das war für unsere Lieben auch der Grund umzukehren: für Tanjas Mutter wäre eine Übernachtung irgendwo "in der Prärie" nicht zumutbar.

Wir haben den abgebrochenen Fluchtversuch zum Anlass genommen, uns nochmal genauer abzustimmen, wie wir während der Reise in Kontakt bleiben und wie wir vorgehen würden, wenn die gewohnten Kanäle nicht mehr funktionieren sollten, bspw. weil die Mobiltelefone konfisziert werden. "Learning by doing" ist man versucht zu sagen...

Ein unvergesslicher - und hoffentlich einmaliger - Geburtstag für Lena geht versöhnlich zu Ende...

7. April 2022 - 11:30

Nach etwas mehr als 40 km und über drei Stunden Fahrt war Schluss: die Weiterfahrt wurde ihnen untersagt, weil es aufgrund von Gefechten zu gefährlich sei. Sie befinden sich nun auf der Rückfahrt nach Cherson.

7. April 2022 - 09:00

Heute früh haben wir nur eine ganz kurze Meldung von Lena erhalten: «Sind unterwegs». Wir hoffen, bangen und beten, dass alles gut geht und sie im besten Fall heute noch die Grenze erreichen. Sie haben sich kurzfristig umentschieden und sind jetzt doch alle zusammen und mit eigenem Auto unterwegs.

Es ist nicht so, dass die Risiken zu fliehen kleiner geworden wären. Aber die Gefahr zu bleiben hat sich in den letzten Tagen ständig erhöht und scheint jetzt grösser als alle Strapazen und Ungewissheiten der Flucht.

6. April 2022 - 23:00

Es hat geklappt mit dem geplanten Arztbesuch! Das war gleichzeitig das erste Mal seit dem 24. Februar, dass Tanjas Mutter ihre Wohnung verlassen hat. Sie hat nun eine aktuelle ärztliche Bescheinigung, dass sie aufgrund ihrer Behinderung auf Betreuung angewiesen ist. Das ist ein Teil des Plans, dass Sascha so evtl. mit ausreisen kann - auch wenn er zur Altersgruppe gehört, die aktuell die Ukraine nur unter bestimmten Voraussetzungen verlassen darf.

Morgen feiert Lena Geburtstag, mit Sicherheit den Unvergesslichsten... Heute wurde sie von einigen Leuten, denen sie in den letzten Wochen geholfen hat, mit einer Torte überrascht. Solche Momente sind Lichtblicke im sonst von Angst geprägten Alltag.

Sveta, die Jugendfreundin von Tanja, die gestern erfolgreich nach Moldavien geflohen ist, ist gut in Chisinau angekommen und hat vor, vorerst dort zu bleiben. Sie wurden sehr gastfreundlich aufgenommen und zusammen mit rund 100 weiteren Flüchtlingen in einem Hotelkomplex mit Appartements ausserhalb der Stadt untergebracht.

6. April 2022 - 11:45

Die Situation bleibt auch heute Vormittag "stabil-unstabil".

Aktuell ist ein Arztbesuch von Tanjas Mutter geplant, um bestätigen zu lassen, dass sie aufgrund ihrer Behinderung Betreuung braucht. Normalerweise eine Routine-Fahrt für Sascha. Heute ein Abwägen, ob es nicht zu gefährlich ist. Kommt man auch wieder ohne Probleme zurück? Bleibt die Lage stabil?

5. April 2022 - 21:30

Heute hat uns eine gute Nachricht erreicht: einer Jugendfreundin von Tanja ist zusammen mit ihrer Tochter und Enkelin die Flucht aus Cherson nach Moldavien gelungen. Sie haben vier Anläufe gebraucht: beim ersten Mal mussten sie unterwegs umdrehen, weil die Weiterfahrt zu gefährlich war, zwei Mal wurde die Abfahrt kurz vor der vereinbarten Zeit abgesagt. Jetzt hat's erstaunlich gut geklappt: um 6 Uhr morgens los, gegen 16 Uhr über die Grenze. Trotz fünf Checkpoints, die zu passieren waren.

Lena hat heute (u.a.) einen Windelgrosseinkauf gemacht.

5. April 2022 - 09:30

Auch letzte Nacht und heute früh keine wesentlichen Veränderungen - "stabil unstabil" trifft es wohl am besten.

Lena stellt fest, dass sich die Regale in den Läden nun zunehmend leeren. Auf den Märkten ist das Angebot nach wie vor recht gut, wird aber meist nur gegen Bares verkauft. Schon seit einiger Zeit verteilen die Russen Lebensmittel ("humanitäre Hilfe") in der Stadt. Lange weigerten sich die Einwohner, diese anzunehmen. Bald wird ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben, um nicht zu verhungern. In Russland werden die Bilder als Beweis für die Not und die Dankbarkeit der Ukrainer auf allen Kanälen gezeigt werden.

4. April 2022 - 21:45

Wie lange seid ihr maximal an einem Bankomaten angestanden, um Geld zu beziehen? Vielleicht (nervige) fünf Minuten? Tanjas Freundin Luda hat heute erzählt, dass sie 1.5 Tage (!) angestanden ist, um 5'000 Griwnas (ca. 150 CHF) zu beziehen. Seit Beginn des Krieges ist Bargeld Mangelware, aber für Produkte auf dem Markt oder "über die Gasse" oft das einzige Zahlungsmittel. Einzelne Banken und Bankomaten haben offenbar noch Reserven. Das spricht sich herum und führt zu solchen Warteschlangen. Wie man 1.5 Tage ansteht? Ganz einfach: man merkt sich, wer vor einem ansteht und kann dann problemlos auch mal wieder weg gehen für andere Besorgungen. Wichtig ist einfach, den Moment nicht zu verpassen, wenn man an der Reihe ist. Dieses System wurde zum Ende der Sowjetunion perfektioniert. Ich habe oft gestaunt, wie diszipliniert und ehrlich das funktionierte. Da wurde weniger vorgedrängt als hier an den Skiliften.

4. April 2022 - 11:45

Einigermassen normaler Wochenstart. An der Kriegsfront gibt's keine wesentlichen Veränderungen. Sascha und Lena konnten heute sogar einen Zahnarzt-Termin wahrnehmen.

Tanjas Mutter hat aus ihrer Wohnung beobachtet, dass mehrere Busse mit rotem Kreuz in Richtung Osten fuhren. Das bestätigt Gerüchte, dass Einwohner aus Cherson in Richtung Krim evakuiert werden. Aktuell dürften jedoch noch nicht allzu viele dieses von Russland bereitgestellte Angebot annehmen. Die Krim gehört zwar völkerrechtlich immer noch zur Ukraine, unterliegt seit 2014 jedoch komplett russischer Kontrolle. Ob, wie und wohin eine Weiterreise aus der Krim möglich ist, ist unklar.

Mit unseren MyPAR-Mitarbeitenden hatten wir einen kurzen Austausch. Sie stellen sich auf eine (fast) normale Arbeitswoche ein. Das ist doch erfreulich!

3. April 2022 - 21:45

Auch heute ist die Situation in Cherson weitgehend unverändert geblieben. Das gab auch uns hier die Möglichkeit, etwas durchzuatmen.

Alexandra tauscht sich regelmässig mit ihrem Cousin Yaroslav aus. Die letzten Tage hat sich sein Aktionsradius wieder etwas erweitert. Er geht mehr nach draussen und trifft sich mit Freunden. Allerdings sind die rar geworden: vom Squash-Club, in dem er trainierte, sind nur noch der Trainer und eine Spielerin in Cherson.

3. April 2022 - 11:45

Sascha hat heute Vormittag den eigentlich für gestern geplanten Besuch bei der Mutter nachgeholt. Er konnte mit jemandem im Auto mitfahren und ist ohne einen einzigen Kontrollposten angekommen. Ein kleines Sonntagsgeschenk.

Nach wie vor ist die Gegend heftig umkämpft. Einmal mehr ist die genaue Situation undurchsichtig.

2. April 2022 - 22:45

In Cherson geht ein Tag ohne grosse Veränderungen zu Ende. Nach wie vor ist die Region heftig umkämpft. Sascha hatte eigentlich geplant, einen kurzen Besuch bei der Mutter zu machen, hat es dann aber bleiben lassen, weil es schlicht zu ungemütlich war.

2. April 2022 - 11:30

Die Wetterverhältnisse zwischen der Schweiz und dem Süden der Ukraine haben sich grad umgedreht: hier ist der Winter zurückgekehrt, in Cherson ist Frühling. Das ist gut so, weil wie jedes Jahr pünktlich zum 1. April die Fernwärmesysteme abgeschaltet werden - unabhängig von den klimatischen Verhältnissen.

Der Frühling lockt die Leute aus den oft kleinen Wohnungen nach draussen. Viele lassen sich das trotz Krieg nicht nehmen. Dazu muss man wissen, dass die Wohnquartiere oft so angelegt sind, dass es grosse Innenhöfe gibt, die fast wie kleine in sich abgeschlossene Parks mit Spielplätzen, Sitzbänken usw. anmuten. Blendet man den Lärm und die Angst im Hinterkopf aus, dann spielt sich dort das Leben wieder einigermassen normal ab.

Ausserhalb dieser Innenhöfe begegnet man Checkpoints, Panzerkolonnen und patrouillierenden Soldaten. Auch daran scheint man sich zu gewöhnen. Im Gegensatz zu den ersten Wochen sind innerhalb der Stadt wieder viel mehr Autos und Leute unterwegs.

Vor allem am Wochenende begänne jetzt die Saison mit Spaziergängen zum Fluss Dnjepr oder in einem der grosszügigen Parks der Stadt. Die ersten würden sich auf die Datschen aufmachen. Das fällt dieses Jahr aus.

1. April 2022 - 21:45

Heute haben wir länger mit Lena über eine mögliche Flucht aus Cherson gesprochen. Uns scheint, dass sich bei den meisten unserer Verwandten und Freunde die Haltung gefestigt hat, entweder vorläufig zu bleiben oder sich bei der nächsten möglichen Gelegenheit an einen sichereren Ort zu begeben. Wie man sich entscheidet hängt von extrem vielen Faktoren ab. Erst wenn man sich damit auseinandersetzen muss merkt man, wie eng man mit einem Ort und seinem Umfeld verwoben ist. Was gibt man auf? Wen lässt man im Stich? Unser (momentaner) Plan sieht vor, dass unsre Schwägerin Lena zusammen mit ihrem Sohn Yaroslav die Reise in die Schweiz antreten werden, sobald das mit kalkulierbarem Risiko möglich ist. Tanjas Mutter und Bruder bleiben vorerst in Cherson. Ob und wann der Plan umgesetzt werden kann steht in den im Blog schon öfters zitierten Sternen...

1. April 2022 - 10:30

Heute Vormittag haben wir unser MyPAR-Weekly durchführen können - sogar alle mit Video! Übers Mobilfunknetz funktioniert der Internetzugriff nach wie vor sehr gut, bei den Hausanschlüssen bleibt's instabil. Die Situation habe sich ein klein wenig beruhigt. Wir vermuten eher, dass sie sich schon wieder etwas an diesen Zustand gewöhnt haben. Uns scheint, dass die Lage nach wie vor sehr angespannt ist.

Es fällt auf, dass viele Leute, mit denen wir vor Ort Kontakt haben, kaum mehr mittel- oder gar längerfristig denken und planen können. Die Bewältigung des unmittelbaren Alltags absorbiert so viel Energie, dass wohl schlicht die Kraft fehlt, weiter als bis zum nächsten Tag zu schauen. Dazu kommt, dass mit der Dauer des Krieges sämtliche Perspektiven wie ein Kartenhaus Etage um Etage zusammenbrechen. Gab's zu Beginn noch die Zuversicht, dass sich das nach ein paar Tagen wieder irgendwie «einrenkt», wird nun immer klarer, dass das «Normal» von vor dem 24. Februar nicht so schnell zurückkehren wird.

31. März 2022 - 23:30

Die Stimmung ist nicht wirklich besser geworden. Nach wie vor gibt es immense Truppenbewegungen in Richtung Westen und fast pausenlos Detonationen in der Nähe der Stadt.

Die Verzweiflung der Leute wird von Tag zu Tag grösser. Nebst der militärischen Bedrohung drückt das Nichtstun extrem auf die Moral. Abgesehen von wenigen Branchen (z.B. Gesundheitswesen, Detailhandel) arbeitet kaum jemand.

31. März 2022 - 11:45

Die Situation ist auch heute nicht besser geworden. Die Angst bei der Bevölkerung von Cherson, dass es ähnlich herauskommen könnte wie in den zerbombten Städten weiter östlich, ist sehr gross. Seit einigen Tagen gibt es Spezial-"Taxis", welche Leute aus der Stadt in Richtung Westen herausführen und bei der Rückkehr Medikamente oder andere Waren aus bisher weniger betroffenen Städten nach Cherson bringen. Seit gestern haben diese Taxis ihre Fahrten weitgehend eingestellt, weil es im Moment zu gefährlich sei.

30. März 2022 - 22:45

Leider hat sich die Situation heute nicht beruhigt. Wohngebiete werden in Cherson zum Glück nach wie vor nicht beschossen. Der Kriegslärm ist jedoch überall in der Stadt gut und praktisch ununterbrochen zu hören.

Serhii, der am Wochenende zu seinen Eltern geflüchtet war, berichtet uns, dass die dortigen Feriensiedlungen von russischen Soldaten bewohnt werden. Eine eher unerwünschte Zwischensaison-Nutzung...

Trotz allem konnte auch in den letzten Tagen wieder viel dringend gebrauchte Nachbarschaftshilfe geleistet werden.

30. März 2022 - 11:45

Auch heute Vormittag hatten wir (arbeitsbedingt) bisher nur kurz Kontakt zu unseren Leuten. Nach wie vor gibt es sehr viele Verschiebungen russischer Militärfahrzeuge in Richtung Mykolajiw, vermutlich von der Krim her kommend. Was das genau heisst für die nächste Zeit bleibt offen.

29. März 2022 - 22:15

Heute hatten wir nur wenig Kontakt mit unseren Leuten vor Ort. Am Abend hat Tanja länger mit ihrer Mutter gesprochen. Während sie die letzten Wochen die Detonationen und die damit verbundenen Erschütterungen recht gelassen hin nahm, beunruhigt sie die Intensität in den letzten 48 Stunden doch zunehmend. Für uns hier bleibt unvorstellbar, wie viel Stress und Belastung das Kriegsgeschehen in unmittelbarer Nähe auslöst.

29. März 2022 - 09:30

Nach wie vor ist es unruhig. Tanjas Mutter sieht aus ihrem Fenster auf eine Hauptstrasse. Sie sagt, so viele Militärfahrzeuge wie heute morgen habe sie noch nie beobachtet.

28. März 2022 - 22:15

Wie befürchtet ist's heute den ganzen Tag über laut und unruhig geblieben. Es ist für die Anwohner extrem schwierig abzuschätzen, wie weit entfernt die Detonationen sind. Sie sind kilometerweit zu hören.

Verstörend war der Tag auch für Roman, unser MyPAR-Mitarbeiter, der etwas ausserhalb von Cherson wohnt: in seinem Dorf haben russische Soldaten die Häuser durchsucht. Was genau sie gesucht haben bleibt unklar. Die einen sagen, Leute aus den eigenen Reihen, die desertiert haben. Andere befürchteten Plünderungen. Roman hat sich und die wichtigsten Wertgegenstände jedenfalls den ganzen Tag versteckt gehalten. Es sei aber alles geordnet verlaufen. Bei ihm sei niemand vorbei gekommen, seiner Cousine im Nachbardorf hätten sie jedoch einen "Besuch" abgestattet, die Pässe kontrolliert und das Auto durchsucht.

28. März 2022 - 09:00

Während bei unserem "Morgen-Check" manchmal die einen sagen, die Nacht sei ruhig gewesen und die andern von Detonationen um den Schlaf gebracht wurden waren sich heute alle einig: es war eine unruhige Nacht. Die Kämpfe rund um Cherson haben sich intensiviert. Es scheint sich zu bestätigen, dass die ukrainische Armee versucht, die Kontrolle über Cherson zurückzugewinnen. Es stehen vermutlich unruhige und gefährliche Stunden/Tage an.

27. März 2022 - 22:00

Heute Sonntag hat sich die Situation nicht wesentlich verändert.

Serhii, unser MyPAR-Mitarbeiter, ist am Wochenende zu seinen Eltern, die ausserhalb der Stadt wohnen, gefahren und plant die nächste Zeit dort zu bleiben. Er konnte mit einem Milchlieferanten mitfahren. An zwei Checkpoints wurden sie angehalten. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Smartphones geprüft und je nach Inhalt sogar zerstört oder konfisziert werden. Deshalb tut man gut daran, im Vorfeld alle Apps und Inhalte zu löschen. Den Laptop hat er erfolgreich zwischen Milchkannen versteckt.

Dank der schnellen Geldüberweisung am Freitag konnte Lena heute bereits wieder einige Einkäufe tätigen. Die Dankbarkeit der Leute ist riesig. Und auch wir sind tief beeindruckt von der Grosszügigkeit und immer noch sehr grossen Anteilnahme.

27. März 2022 - 11:30

Die Gefechte waren die ganze Nacht über hörbar und halten auch heute Vormittag weiter an. Bisher gibt es zum Glück keine Anzeichen dafür, dass sich das Geschehen vom Flughafen / Militärstützpunkt näher zur Stadt verlagern würde.

Bei vielen Menschen auch aus unserem Umfeld hat sich in den letzten Tagen der Entscheid zur Flucht gefestigt, sobald es dafür eine Möglichkeit gibt.

26. März 2022 - 23:45

Tagsüber gab es immer wieder Detonationen in der weiteren Umgebung.

Sonst war's ein relativ normaler Tag: trotz langer Warteschlangen konnte Lena wieder zahlreichen Menschen aus ihrer Nachbarschaft mit dem Nötigsten aushelfen.

26. März 2022 - 11:00

Im Stadtteil von Lena und Sascha war die Nacht wieder unruhiger, es waren Explosionen aus der Nähe zu hören. Im Lauf des Vormittags scheinen die Detonationen eher von weiter entfernt zu kommen. Im Stadtteil von Tanjas Mutter blieb es hingegen in der Nacht ruhig.

Uns fällt auf, dass es in den letzten Tagen viel mehr Gerüchte und unbestätigte Informationen aus Cherson gibt als noch in den ersten drei Kriegswochen. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass die Leute wieder etwas mehr auf der Strasse sind und sich Informationen rascher und dadurch unkontrollierter verbreiten. Man kennt jemanden, der von jemandem gehört hat, die etwas gesehen hat...

Eine Information, die sich in den letzten Tagen verdichtet, besagt, dass die Bäckereien noch Mehl hätten für rund eine Woche, um Brot zu backen. Tanjas Mutter hat jedenfalls damit begonnen, sich bereits einen Vorrat anzulegen. Sie röstet das Brot, damit es haltbarer wird. Warum nicht in den Tiefkühler? Einerseits ist der reserviert für Lebensmittel, die sich nicht gut anders konservieren lassen. Andererseits muss man auch damit rechnen, dass die Stromversorgung ausfallen könnte.

Ebenfalls scheint sich zu bestätigen, dass die ukrainischen Truppen planen, Cherson wieder unter ukrainische Kontrolle zu bringen. Strategisch macht das durchaus Sinn, da damit der Vorstoss Richtung Odessa erschwert und verzögert werden kann. Was das konkret bedeutet wagen wir uns im Moment noch nicht vorzustellen - das russische Militär ist ja mitten in der Stadt.

25. März 2022 - 21:45

Gestern Abend haben wir Lena zum dritten Mal einen Betrag für Soforthilfe überwiesen - heute Nachmittag hatte sie das Geld bereits auf dem Konto. Wie beim ersten Mal ging's diesmal wieder blitzartig.

Sascha hat einer Bekannten im Rollstuhl heute dringend benötigte Hygieneartikel vorbei gebracht. Sie wohnt im Stadtteil, in dem vor rund drei Wochen ein Wohnhaus bombardiert wurde. Ein mulmiges Gefühl, sich dorthin zu begeben. Jedenfalls waren alle erleichtert, als er unversehrt zurück war.

25. März 2022 - 09:30

Die letzte Nacht in Cherson war zum Glück wieder viel ruhiger als die vergangene. Auch die Internetverbindungen sind wieder stabil. Wir konnten unser Weekly heute sogar mit Video durchführen. Hätte uns jemand ohne Kenntnis des Weltgeschehens der letzten vier Wochen zugehört, käme man nie darauf, dass wir gerade mit einem Team aus einem Kriegsgebiet gesprochen haben. Es ist schön, etwas Normalität schaffen zu können in einen Alltag, der sonst alles andere als normal ist.

24. März 2022 - 22:30

Heute waren den ganzen Tag über Detonationen zu hören - nicht mehr ganz so intensiv wie in der Nacht und am Morgen, aber doch den ganzen Tag hindurch. Es ist verblüffend, wie man sich offensichtlich auch an so etwas "gewöhnen" kann: Lena hat ihre "Einkaufstouren" trotzdem gemacht, der Mann von Tanjas Freundin Luda hat um den Wohnblock herum die Strasse gewischt und Sascha war zum ersten Mal seit Kriegsbeginn wieder längere Zeit in seiner Garage / Werkstatt.

Die Tochter einer guten Bekannten ist heute mit ihrem Kind aus Cherson auf die Krim geflüchtet und will von dort weiter nach Sotschi, wo ihr Bruder längere Zeit gelebt hat und noch eine Wohnung besitzt. Dass Menschen aus der Ukraine nach Russland fliehen ist die Ausnahme. Wie dieser Fall einmal mehr zeigt sind die familiären Beziehungen und generell die Verbindungen zwischen Russland und der Ukraine traditionell sehr eng miteinander verflochten. Ob sie den Krieg überdauern steht in den Sternen.

24. März 2022 - 10:30